Freiheit und Moral ein Widerspruch ?? von A. P.

Vortrag gehalten am 04.12.2014 beim Gästeabend der  Berliner Freimaurer Loge „Drei Lichter im Felde“

Verehrte Gäste, liebe Brüder,

die Begriffe Freiheit und Moral begleiten jeden von uns ein Leben lang. Und immer wieder, so scheint es, stehen sie zueinander im Widerspruch. Wir alle müssen zahlreiche Entscheidungen des täglichen Lebens im Spannungsfeld von Moral und Freiheit treffen. Dazu ein paar Gedanken.

Freiheit ist ein schillernder Begriff, der uns Menschen seit vielen Generationen und immer wieder beschäftigt. Er hat ganze Epochen geprägt, Kriege ausgelöst, Herrscher gestürzt und mehr als einmal die herrschende Moral infrage bzw. auf den Kopf gestellt. Die Freiheit zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit. Gleichzeitig aber ist der Begriff so vielfältig, dass eine allgemeine Definition schwer fällt. Hinzu kommt, dass sich die Bedeutung von Freiheit im Laufe der Menschheitsgeschichte fundamental gewandelt hat. Dies gilt allerdings ganz genauso für die von Moral. Auch heute noch haben beide Begriffe trotz gewisser universeller Übereinstimmungen in jedem Kulturkreis der Erde eine abweichende Bedeutung.

In der Antike war Freiheit das Privileg einer kleinen Minderheit, der städtischen Bürger und Adeligen. Frei war, wer kein Sklave sein musste und wirtschaftlich unabhängig war. Die wenigen Männer, die die politischen Geschicke der antiken Polis bestimmten, beanspruchten für sich bereits gewisse Freiheitsrechte, wie etwa Sicherheit des Eigentums. Um dem Schicksal der Sklaverei zu entgehen und um die eigene Freiheit zu erhalten, musste jedoch auch der Staat, in dem man als freier Mann lebte, frei von Eroberung und Unterdrückung durch fremde Mächte sein. Für diesen Schutz zu sorgen war ebenfalls die Aufgabe der Freien.

Etliche Jahrhunderte später, in den feudalen Gesellschaften des Mittelalters, hatte sich der in der Antike geprägte Freiheitsbegriff geändert. Freiheit hing zwar noch immer vom gesellschaftlichen Status der Person ab, manifestierte sich nun jedoch in Privilegien, die vom Herrscher vergeben wurden. Einzelne gesellschaftliche Stände oder handwerkliche Zünfte waren dazu berechtigt, vom Fürsten gewährte Vorzüge zu genießen. Diese Privilegien reichten von Steuererlass über die Freiheit, Waffen zu tragen bis hin zu der Möglichkeit, sich ungehindert im Land bewegen zu können. Der Privilegierte verpflichtete sich im Gegenzug allerdings dazu, die Herrschaft seines Gebieters anzuerkennen und nach Kräften zu erhalten, oft genug durch Militärdienst im Kriegsfall. Freiheit gewährte der Staat somit nur einer begrenzten Anzahl von Untertanen im Austausch gegen Loyalität.

Erst im Zuge der Aufklärung trat eine neuer Gedanke an die Stelle der absolutistischen Monarchien und den Ständeprivilegien der mittelalterlichen Gesellschaft: Gleichheit vor dem Gesetz. Bedeutende Denker und Philosophen entwickelten das Konzept der individuellen Freiheit. So schrieb der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, dass der Mensch ein natürliches Recht auf Freiheit besäße. In diesem Gedanken drückt sich die uralte Sehnsucht nach geistiger Unabhängigkeit, nach Autonomie und Selbstbestimmung aus. Immer stärker wurde der Wunsch der Bürger, sich ungehindert entfalten und ohne inneren und äußeren Zwang über sich selbst verfügen zu können. Zu den bedeutenden philosophischen Neuerungen dieser Zeit gehörten die Entdeckung der autonomen Vernunft und der Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen.

Diese Freiheit im aufklärerischen Sinne entsprang dem immer stärkeren Ärger der Bürger über die Allmacht von Tyrannen, absoluten Herrschern und kirchlichen Dogmatikern, dem Wunsch nach Gleichheit von einfachen und gehobenen Ständen und dem Bemühen um eine neue Brüderlichkeit aller Menschen. Der Staat sollte als Dienstleister für den Menschen da sein, nicht umgekehrt. Das war der neue Gedanke. Die Vorstellung, dass jeder Staat seinen Bürgern bestimmte angeborene und unveräußerliche Rechte zu gewähren hat, wurde erstmals 1776 in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung eingefordert und nach einem Krieg gegen die Kolonialmacht Großbritannien in der US-Verfassung politisch umgesetzt.  Mindestens jeder sechste der 56 Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung war Freimaurer – und auch George Washington, der erste Präsident der USA, war Mitglied einer Loge.

Mit der Französischen Revolution 1789 wurden die Menschen- und Bürgerrechte, basierend auf den Idealen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, nach Europa getragen und erstmals in der französischen Verfassung von 1791 verankert. Gleichwohl bedurfte es noch weiterer 200 Jahre mit vielen blutigen Kriegen, bis sich diese Art der Verfassung gegen alle politischen Abartigkeiten auf dem gesamten europäischen Kontinent durchgesetzt hatte.

In der heutigen Zeit genießen wir alle ein nie gekanntes Maß an persönlicher, religiöser und politischer Freiheit. Vieles, wofür die Verfechter der Aufklärung gekämpft haben, ist erreicht worden und wurde im Laufe der vergangenen Jahrzehnte vervollkommnet – etwa wenn wir an die Rechte von Frauen oder von Minderheiten denken. Trotzdem ist das Thema Freiheit weiterhin aktuell, der Begriff wird ständig politisch instrumentalisiert und dient als Rechtfertigung für die verschiedensten Ideen und Ideologien. Hinzu kommt, dass sich in einer freien Gesellschaft ganz neue Herausforderungen für den Einzelnen ergeben. Denn Freiheit ist kein Selbstzweck an sich. Nur wer mit ihr verantwortungsvoll umgehen kann, wird ihre Vorteile voll und ganz genießen.

Welche Rolle spielt dabei nun die Moral? Sehen wir uns dazu einmal etwas näher an, wofür die beiden Begriffe stehen. Freiheit kann Ungebundenheit und Selbstbestimmtheit bedeuten, aber auch Beliebigkeit oder sogar Anarchie. Die Moral dagegen kann dem Menschen Halt geben durch Bindung und Selbstbeschränkung. Im Extremfall kann sie sich aber auch in Zwang und Unterdrückung manifestieren. Diese durchaus ambivalenten Eigenschaften von Moral und Freiheit deuten darauf hin, dass diese beiden Begriffe eine symbiotische Beziehung zueinander haben.

Die absolute Moral kann es nicht geben, da sie den Menschen von staatlicher oder religiöser Seite mit Tugendterror überzieht und jede kreative Regung unterdrückt. Eindrucksvolle Beispiele dafür bietet sowohl die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts als auch ein Blick auf die zahlreichen religiösen Diktaturen der heutigen Zeit.

Doch auch die absolute Freiheit ist schädlich, denn sie führt direkt ins Chaos. Ohne jede ethische Bindung führt Freiheit zu geistig-seelischer Leere. Ihre sittliche Bedeutung gewinnt die Freiheit erst in den Schranken der Moral – und die Moral besitzt nur dann wahre Anziehungskraft, wenn sie der Freiheit genug Raum lässt. Der Mittelweg zwischen der Anarchie absoluter Freiheit und der Unterdrückung einer Diktatur der Moral liegt in der relativen individuellen Freiheit. Nicht nur die Freiheit des Marktes, sondern auch die individuelle Freiheit des Bürgers muss stets angebunden sein an Recht und Gesetz und sich auf absolute, allgemeinverbindliche Werte beziehen können. Nur innerhalb dieses Rahmens kann sich jeder Einzelne entfalten. In Artikel 1 bis 20 des Grundgesetzes garantiert der Staat uns Bürgern eine Anzahl wichtiger Rechte. Sie ermöglichen die freie Entfaltung unserer Persönlichkeit. Eine von Politik und Regierung unabhängige Rechtsprechung wacht darüber, dass die Rechte des Individuums geachtet werden. Die Gesetze einer demokratisch gewählten Regierung sorgen zugleich dafür, dass die Bürger ihre Freiheit nicht auf Kosten anderer ausleben. Innerhalb dieses Rahmens hat jeder von uns jedoch noch immer eine überwältigende Zahl an Wahlmöglichkeiten, um sein Leben zu gestalten. Soweit die Rahmenbedingungen von staatlicher Seite.

Doch welchen moralischen Maßstab können wir Menschen an unsere eigenen Handlungen anlegen, um in unserem ganz persönlichen Alltag die Balance zwischen Freiheit und Moral zu finden?

Der aufklärerische Philosoph Immanuel Kant hat eine allgemeingültige Formel zur Herleitung moralischer Gesetze entwickelt, die nur auf Logik und Vernunft basiert. Subjektive Werte wie Erfahrung, Ideologien oder Wünsche sollen außen vor bleiben. Der uns allen bekannte kategorische Imperativ lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Gemeint ist damit ein moralisches und kein staatliches Gesetz. Laut Kant zählt nur der gute Wille als Kriterium zur Bewertung einer moralischen Handlung. Ein guter Wille ist aber erst dann vorhanden, wenn er durch die Pflicht bestimmt wird. Das heißt, eine Handlung muss ohne Absicht, Zweck oder Ansicht des Objektes geschehen. Eine Pflicht muss weiterhin einer Achtung für das allgemeine moralische Gesetz folgen. Der menschliche Wille ist laut Kant meistens vernünftig und will oft das Gute erreichen. Manchmal kommen dem aber Hindernisse in Form von Lust oder Trieben in den Weg. Um dennoch aus Pflicht zu handeln bedarf es eines Gebotes, das immer, ohne Rücksicht auf Ziele oder Triebe gilt – das ist es, was den kategorischen Imperativ ausmacht.

Der kategorische Imperativ nötigt meinen menschlichen Willen, aus einer vernünftigen Überlegung heraus das moralisch Richtige zu tun – unabhängig von den Trieben oder Bedürfnissen einer konkreten Situation. Wenn ich nun zum Beispiel Geld bräuchte und mir deshalb die Freiheit nehmen möchte, eine Bank zu überfallen, dann müsste ich erst die Maxime formulieren: „Wenn ich Geld benötige, dann überfalle ich eine Bank!“

Das daraus abzuleitende, allgemeine Gesetz hieße dann: „Das Überfallen von Banken zwecks Einkommenssteigerung und persönlicher Befriedigung ist legitim.“ Nach diesem Gesetz müsste ich allerdings auch wollen, dass andere meine Ersparnisse rauben dürfen, was mithin unvernünftig wäre. Somit ist dieses Gesetz obsolet und ich werde aus meiner Vernunft heraus von vornherein auf die Freiheit verzichten, zur Aufbesserung meiner Kasse Banken mit den Ersparnissen anderer zu plündern.

Kant misst der individuellen Freiheit für eine solche Entscheidung große Bedeutung zu. Denn Freiheit bedeutet nicht nur die Freiheit von etwas, sondern auch die Freiheit zu etwas. Erst wenn ich frei bin, kann ich mir Gesetze machen und sie auch einhalten! Der Mensch hat die Autonomie des Willens – allein das macht ihn frei und unterscheidet ihn vom Tier, das zeitlebens von seinen Trieben bestimmt wird. Moral und Sittlichkeit haben ihren Ursprung folglich in der Freiheit, denn nur durch sie hat der Mensch die Möglichkeit, aus seiner Vernunft heraus ein moralisches Gesetz zu schaffen, es einzuhalten und somit die Begrenzung der eigenen Freiheit selbst herbeizuführen.

Immanuel Kant war der erste Philosoph, der diese Symbiose aus Freiheit und Moral konsequent durchdacht und in einem allgemein nachvollziehbaren Modell ausgeführt hat. Doch auch andere Philosophen seiner Epoche hatten ähnliche Gedanken: Jean-Jacques Rousseau führt in seinem „Contract social“ aus, dass der Antrieb des reinen Begehrens nur Sklaverei ist, während der Gehorsam gegen das selbstgegebene Gesetz die wahre Freiheit sei.

Verehrte Gäste, liebe Brüder – Freiheit ohne Moral ist ebenso zerstörerisch wie Moral ohne Freiheit. Erst die wohl abgewogene Verknüpfung von beidem gibt dem Menschen Halt und Orientierung und ermöglicht ihm zugleich die weitestgehende Entfaltung seiner Ideen und Fähigkeiten. Der von der Vernunft ausgehende, bewusste Verzicht auf die absolute Freiheit drückt sich in der Beherrschung der menschlichen Triebe aus. Das ist es, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Das ist das eigentlich Humane an ihm. Und so möchte ich meinen Vortrag mit einem Zitat des österreichischen Schriftstellers Franz Grillparzer beenden: „Wer seine Schranken kennt, der ist der Freie, wer frei sich wähnt, ist seines Wahnes Knecht!“.