Wahrheit und Wahrhaftigkeit Vortrag von H. Sch.

Vortrag gehalten am 12.06.2013  beim Gästeabend der  Berliner Freimaurer Loge „Drei Lichter im Felde“

Sehr verehrte Gäste, liebe Brüder

Zunächst möchte ich den Begriff der Wahrheit definieren um anschließend zu der mit der Anwendung der Wahrheit der damit verbundenen Wahrhaftigkeit zu gelangen.

Die dunkle Seite der Wahrheit ist die Lüge. Und wir lügen ständig und mehrmals am Tag:

„Wie geht’s Dir?“ „Gut.“ (obwohl man sich gerade oder Beschwerden, Kummer hat) oder „Schön Dich zu sehen.“ Zu einem missliebigen Menschen.
Und der Klassiker: „Was hast Du?“ „Nichts.“

In vielen Fällen erleichtern uns Lügen oder die Verneinung der Wahrheit das Zusammenleben. Es gibt genügend Beispiele aus der Literatur oder Filmen, die uns zeigen, dass die Wahrheit leicht und schnell zu Streit und Unfrieden führt, ja sogar gefährlich werden kann.

Das liegt daran, dass nicht jeder eine Wahrheit freudig begrüßt, wenn diese den eigenen Kenntnissen oder auch nur den eigenen Vorstellungen zuwiderläuft. Die Wahrheit heilt zwar wie eine Medizin Missverständnisse und Unwissenheit, schmeckt aber manchmal bitter. Wer möchte von seinem Gegenüber schon gern auf eigene Unzulänglichkeiten aufmerksam gemacht oder auf Fehler hingewiesen werden? Die Reaktion ist im besten Falle Betroffenheit, meist aber Enttäuschung oder gar Verletztheit und im schlimmsten Fall Wut und Aggression. Und da man sich irgendwie abreagieren möchte, wird der Verkünder der Wahrheit wahlweise als inkompetent („Das kann er gar nicht beurteilen!“) oder missliebig, hinterhältig bzw. rachsüchtig abqualifiziert („Das sagt er nur, um mich zu ärgern.“). Teilweise wird auch die Information als unwahr angegriffen („Das stimmt nicht!“) oder als unvollständig und zu korrigieren dargestellt („Du hast dabei vergessen, dass …“).

Kurzum, je nach Charakter kommt es zum Streit oder zum Abbruch des Gesprächs oder gar zum Ende der Beziehung. Eine für das Zusammenleben nicht gerade förderliche Entwicklung, die durch bewusste oder reflexartige Leugnung der Wahrheit oder auch nur von Teilen der Wahrheit verhindert wird.

Die sei als Einleitung genug; jetzt geht’s um den Wahrheitsbegriff.

Was ist Wahrheit? Wir beklagen oft den schludrigen Umgang mit Wahrheit. Aber wo endet die Wahrheit, wo beginnt die Lüge?

  • Unstrittig bei falschen, fehlerhaften Informationen!

Der Graubereich beginnt bei

  • Schweigen, wo Informationen abgefragt werden,
  • Informationen werden in einen falschen Zusammenhang gestellt,
  • weiterführende Informationen werden bewusst oder unbewusst zurückgehalten,
  • für die Beurteilung wesentliche Informationen werden nicht übermittelt
  • oder diese Informationen werden versteckt oder an unerwarteter Stelle präsentiert

Jeder hat eine unterschiedliche Auffassung darüber, wo die Unwahrheit beginnt. Eine allgemeingültige Definition für den Begriff der Wahrheit lässt sich aus den oben beschriebenen Situationen nicht ableiten. So haben sich mit dem Versuch der Definition der Wahrheit Generationen von Philosophen herumgeschlagen und verschiedene Ansätze gewagt – und wieder verworfen. Um zu verstehen, warum dieses Unterfangen so schwierig ist, möchte ich einige Definitionsansätze darstellen (verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissen):

Bei der Korrespondenztheorie sieht man die Wahrheit als Übereinstimmung zwischen dem Verstand oder die Erkenntnis davon und der (Tat-)Sache selbst. Weil etwas ist, wie wir es wahrnehmen, halten wir eine damit übereinstimmende Beschreibung oder Vorstellung für wahr. Es ist richtig zu sagen, der Apfel ist grün, weil er grün ist und nicht, weil alle die Meinung haben, dass er grün sei.

Das hilft uns bei der Frage, ob es in einem wahrnehmungsfreien Raum keine Wahrheit gibt. Anders ausgedrückt, wenn wir keine Wahrnehmung von einer Tatsache haben („nachts sind alle Katzen grau“, gibt es intelligentes Leben im Weltraum), gibt es dann keine Richtig bezüglich dieser Eigenschaft? Nein, sagen die Philosophen. Die Wahrheit ist vorhanden, gleich ob sie jemand bemerkt oder nicht.

Daraus wird von Vertretern der Redundanztheorie abgeleitet, dass die Wahrheit nicht verkündet werden muss, da sich vorhanden ist. Jeder, der Wahrheiten äußere, trägt nicht zum Erkenntnisgewinn bei, da er redundantes Wissen wiedergebe. Man verwende Formulierungen, die den Wahrheitscharakter betonen nur zur Absicherung des Gesagten, wenn nicht gar zur Erschaffung anderer, neuer Wahrheiten.

In der logischen Denkweise einiger Philosophen ist aber auch die Definition einer Tatsache zur Festlegung der Wahrheit zur Feststellung der Übereinstimmung ihrerseits bereits eine festzulegende Definition: z.B. Grün als Farbe des Apfels. Es soll mit dem Ergebnis dessen Herleitung begründet werden. Damit befinden sie sich in einem Kreislauf der logisch mit dem Denksystem nicht mehr zu beurteilen ist. Daher verwenden viele Bereiche ein Metasystem.

Für die Kohärenztheorie ist eine Aussage, verkürzt gesprochen, wahr, wenn sie sich widerspruchsfrei in eine Gesamtheit von Aussagen einfügen lässt. Steht sie zum bestehenden Wertsystem im Gegensatz, ist sie abzulehnen. In der Konsenstheorie begründet sich Wahrheit dadurch, dass Tatsachen von der Mehrzahl logisch und vorurteilsfrei denkender Menschen akzeptiert werden. Wobei dies in einem Gleichordnungssystem, der idealen Sprechsituation festgestellt wird. Kurz gefasst haben darin alle den gleichen Zugang, keine Vormeinung ist absolut, jeder kann sich adäquat artikulieren und kein Gesprächsteilnehmer ist dominant oder zurückgesetzt. Da diese Sprechsituation selten wenn nicht utopisch ist, genügt es oftmals, wenn der Konsens vernünftig ist und jederzeit zur Debatte gestellt werden kann.

Der radikale Konstruktivismus tritt komplett aus der Zirkularität heraus, in dem er jede Wahrheit für subjektiv erklärt. Abhängig von Wertesystem, dem Wissen und den Erfahrungen des Einzelnen gibt es eine individuelle Wahrheit, die mit den Wahrheiten der anderen konkurriert. Dagegen wendet sich der kritische Realismus, der an einer absoluten, objektiven Wahrheit als regulierende Idee festhält. Der Zirkelschluss wird hierbei durch die Aufgabe des Wahrheitskriteriums aufgelöst. Dies bedeutet, dass Wahrheiten nicht begründet werden können, sie sind vorhanden. In der Wissenschaft wird eine Entwicklung von Wahrheiten aus dem Bereich des Erkenntnisskeptizismus eingesetzt, indem zunächst Vermutungen aufgestellt werden (Theorien), die anschließend bestätigt oder verworfen werden. Das Wertesystem ergibt sich hierbei aus sich gegenseitig stützenden, begründenden und verifizierten Erkenntnissen.

Die Religionen der Welt verlassen sich auf Wahrheiten, die existent sind, nicht begründet werden und als Glaubenssätze bezeichnet werden. Interessanter Weise ist das hebräische Wort für Wahrheit (eh’ meth) stammverwandt mit Amen. Stets wird auf die göttliche Instanz als Quelle der Wahrheit verwiesen. Im Buddhismus, der eine vergleichsweise skeptische Weltsicht vermittelt, gilt die Lehre Buddhas als relativ wahr. Spiritualität ergibt sich durch Nachdenken. Nicht Hörensagen, nicht Tradition, nicht heilige Schriften, nicht Autoritäten von Lehrern vermitteln Wahrheiten, sondern die Erkenntnis, dass etwas heilsam und für alle förderlich ist, bringt einen dazu nach diesen Erkenntnissen zu handeln.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass alle Bereiche Wahrheit über die Eigenschaft (etwas ist wahr) definieren. Auch kann mit einem System als Werkzeug das System als Ergebnis nicht begründet werden. Es muss übergeordnete Fixpunkte oder Beurteilungsebenen geben. Außerdem hat mir das Studium der verschiedenen Bereiche gezeigt, dass sowohl Definitionen als auch Inhalte der Wahrheiten nicht fixiert sind, sondern sich im Laufe der Zeit und damit der Erkenntnisse wandeln. Auch in Abhängigkeit von den nach Erkenntnis suchenden Personen differieren Wahrheiten. Damit ist in gewisser Weise das Wertesystem, das je nach Lehrart Maßstab oder Ergebnis der Wahrheitssuche ist, ein notwendiger Baustein.

Um diesen Baustein geht es bei der Wahrhaftigkeit.

„Kindermund tut Wahrheit kund“ und „Im Wein liegt Wahrheit“ Was hat das mit der Wahrhaftigkeit zu tun? Jeder Mensch hat einen Filter, der dafür sorgt, dass wir je nach Beurteilung der Situation mal mehr oder mal weniger von dem preisgeben, was wir für uns als richtig, als wahr erachten. Man „filtert“ die Wahrheit, so wie es der Anlass verlangt oder man glaubt, dass es der Anlass verlangt. Damit wird verhindert, dass man seinen gegenüber verletzt oder belastet. Manchmal wird die Wahrheit verkürzt wiedergegeben und damit auch bewusst missverständlich, weil keine Zeit für lange Dialoge verfügbar ist.

Als Kind lernt man durch viele Versuche durch den bewussten Einsatz der Wahrheit unangenehme Situationen zu vermeiden. Das ist einerseits wichtig für die soziale Kompetenz. Andererseits lernt der Mensch so auch, den Einsatz der Unwahrheit zu seinem Vorteil zu nutzen. Wichtig ist an dieser Stelle anzusetzen und dem jungen Menschen ein moralisches Wertesystem, einen Kompass an die Hand zu geben. Dieser Kompass dient dazu allzu kreativen Umgang mit der Wahrheit einzuschränken und so zu verhindern, dass man sich seiner Verantwortung nicht stellt oder auf Kosten Anderer handelt. Zu letzterem gehört auch das Aneignen fremder Leistungen oder Erkenntnisse, die man als eigene ausgibt.

Der bewusste und verantwortungsvolle Umgang mit der Wahrheit in allen Bereich des Lebens ist die Wahrhaftigkeit. Damit gehört denktheoretisch zur Wahrhaftigkeit auch der Irrtum. Denn wer aus der Überzeugtheit von einer Wahrheit, etwas objektiv Unwahrhaftes sagt, der lügt nicht, er irrt. Größe und Verantwortungsbewusstsein einer Person zeigt sich in deren Umgang mit Irrtümern. Richtig ist es, Falsches aus Wort und Tat zu bekennen und um Vergebung nachzusuchen. An dem Betroffenen ist es, zu entschuldigen. Insoweit bin ich immer wieder fasziniert zu hören, wenn jemand von sich behauptet, er habe sich entschuldigt, also im Wortsinne von seinen Schulden losgesagt. Ich befürchte, die meisten haben auch genau dieses im Sinn: sich selbst von der Schuld zu befreien. In meinen Augen ist dies mehr als Sprachschluderei; es ist ein von über den Wertvorstellungen der Allgemeinheit Stehen geprägtes anmaßendes Verhalten. Denn tatsächlich entschuldigen kann nur der Gläubiger der Schuld und man muss darum bitten. Wahrhaftes Verhalten zeigt sich, wenn man sich so dem Urteil anderer aussetzt.

Auch in der Freimaurerei ist Wahrhaftigkeit ein zentrales Element. Dabei bezieht sich die Wahrhaftigkeit nicht nur auf das Denken und Reden, sondern auch auf das Handeln. Im diesem Sinne kann im Handeln auch eine Form von Wahrheit liegen und wird von dem zuvor Gesagtem umfasst, da es auch hierbei um die Übereinstimmung ankommt. Die Einheit von Denken, Gesagtem und Handeln.

Wie bei vielen Aspekten der Freimaurerei handelt es sich bei der Wahrheitssuche bzw. beim Streben nach Wahrhaftigkeit um eine Annährung und nicht um ein Erreichen. Dies liegt zum einen in dem Wesen des Menschen begründet, der Fehler und Irrtümer begeht, zum anderen darin, dass mit jedem Erlangen von Wissen und Erfahrung auch die Erkenntnisse über die Wahrheit und damit diese selbst sich wandelt.

Wichtig ist die Erkenntnis, dass jeder Mensch sein Leben lang Wissen, Erkenntnisse und Erfahrungen sammelt und mit diesen sein Wertesystem stets verbessern kann. Der Freimaurer strebt nach dieser Verbesserung und trachtet so sein Denken und Handeln danach auszurichten, was er als gut und richtig erkannt hat, in dem vollen Bewusstsein fehlbar zu sein.