Toleranz von A. P.

Vortrag gehalten am 23.10.2013  beim Gästeabend der  Berliner Freimaurer Loge „Drei Lichter im Felde“

Verehrte Gäste, liebe Brüder,

zum heutigen Thema, der Toleranz, haben wir sicher alle eine Meinung. Toleranz wird oft eingefordert und gern proklamiert. Fast jeder hält sich selbst tendenziell eher für tolerant und weltoffen, spießig und intolerant sind immer die anderen.

In der Freimaurerei zählt die Toleranz zu den Eigenschaften, die jeder Bruder anstreben sollte. Aber was genau ist eigentlich Toleranz? Und wie weit kann sie, wie weit muss sie gehen? Ich möchte mich in diesem Vortrag an einer Annäherung versuchen. Heute Abend wird uns die Toleranz in vier verschiedenen Ausprägungen begegnen:

–          Toleranz aus Gründen der Nützlichkeit, kurz: die politische             –           Toleranz

–          Toleranz in religiösen Systemen mit Absolutheitsanspruch

–          Passive Toleranz oder Toleranz als Gleichgültigkeit

–          Aktive Toleranz in aufklärerischer Tradition

Das Wort „Toleranz“ kommt vom lateinischen „tolerare“ = „erdulden, ertragen“. Es hatte zunächst und ursprünglich den Sinn der religiösen Duldsamkeit, also des Duldens andersartiger Glaubensbekenntnisse, Gottesdienste und Glaubensbezeugungen – und zwar weniger durch die Mitmenschen, sondern durch die Herrschenden. Im Lauf der Geschichte begegnet uns das Wort zuerst bei den antiken Philosophen, namentlich den Stoikern. In den griechischen und römischen Hochkulturen herrschte eine natürliche Toleranz. Fremde Götter wurden bereitwillig in den Götterhimmel aufgenommen und die Frage nach individueller Freiheit wie Wahrheit stellte sich nicht.

Die Juden bildeten als erste monotheistische Religion eine Ausnahme, aber sie missionierten nicht und waren lange sogar vom römischen Kaiserkult befreit. Als das Christentum aufkam, galt es den Römern zunächst als jüdische Sekte und wurde geduldet. Erst unter Kaiser Nero begann die Christenverfolgung, weil sie sich weigerten, anderen Göttern als dem ihren zu opfern. Solange die junge christliche Kirche verfolgt wurde, verlangten ihre Vertreter Glaubensfreiheit. Der frühchristliche Schriftsteller Tertullian hatte dafür ein bemerkenswertes Argument parat – ich zitiere: „Es ist freventlich, wenn man jemand die Freiheit der Religion nimmt und ihm die freie Wahl seiner Gottheit verbietet, so dass es mir nicht mehr freisteht, zu verehren, wen ich will, sondern gezwungen werde, den zu verehren, den ich nicht will. Niemand [auch Gott nicht] möchte doch wohl von jemand geehrt werden, der es nicht gerne tut“. Zitat Ende.

Erst mit dem Toleranzedikt von Mailand unter dem zum Christentum bekehrten Konstantin galt ab 313 im gesamten römischen Reich die uneingeschränkte Religionsfreiheit. Das Christentum konnte sich in Europa durchsetzen. Bereits rund 70 Jahre später wurde die Religionsfreiheit vom christlichen Kaiser Theodosius zugunsten der katholischen Staatskirche kassiert. Jahrhundertelang ging es von da an mit der christlichen Toleranz bergab.

 

In mehreren Kreuzzügen wollten Päpste und Kaiser die heiligen Stätten im heutigen Israel den Händen der Ungläubigen entreißen. Im Namen des christlichen Glaubens rotteten die Konquistadoren in Südamerika ganze Völker aus und zerstörten uralte Zivilisationen. Doch auch in Europa gärten die religiösen Verwerfungen. Die von Martin Luther herbeigeführte Reformation zog schwere Unruhen und Kriege nach sich. Erst der Augsburger Religionsfrieden von 1555 sorgte für vorläufige Ruhe. „Cuius regio, eius religio“ – wessen Land, dessen Religion, so lautete die politische Formel zur Konfliktbeilegung. Fortan konnte also der regierende Fürst den Glauben seiner Untertanen bestimmen. Von religiöser Toleranz oder Wahlfreiheit des Einzelnen konnte also keineswegs die Rede sein – nur der Fürst durfte seinen Glauben frei bestimmen, das Volk musste sich dann anpassen oder auswandern. Dennoch brachte das Ende des katholischen Gottesstaates hier und da zumindest die politische Toleranz. Einigen Herrschern kam es nun nicht mehr zwangsläufig auf die Rechtgläubigkeit der Untertanen an, sondern auf ihre Untertänigkeit und Nützlichkeit. Wilhelm von Oranien verkündete im Jahre 1564 die Abschaffung der Inquisition und der Ketzerverfolgungen und ermöglichte so den Niederlanden einen Zuzug hochgebildeter getaufter Juden aus Spanien und Portugal, was zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung führte. Man sieht also: Toleranz lässt die Wirtschaft blühen. Die politische Toleranz ist allerdings eine Toleranz auf Abruf, der es im Zweifelsfalle nicht auf die Einhaltung der Menschenrechte ankommt. Wenn es dem Souverän nicht mehr passte, änderte er einfach die Regeln. Gerade die Juden mussten dies im Laufe der Geschichte immer wieder leidvoll erfahren.

 

Leider war auch das Konstrukt des Augsburger Religionsfriedens nur von kurzer Dauer. Im 17. Jahrhundert folgte das Zeitalter der Religionskriege; die Inquisition ließ von Spanien bis nach Polen die Ketzer verbrennen. Im Dreißigjährigen Krieg mussten wegen der religiösen Intoleranz zwei Drittel aller Menschen in Deutschland ihr Leben lassen, ganze Landstriche wurden verwüstet. Erst als buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen stand, trafen sich die Parteien in Münster und Osnabrück und handelten den Westfälischen Frieden aus. Die katholische und evangelische Konfession wurden vollkommen gleichgestellt. Nach heutigem Verständnis wird der Westfälische Friede als historischer Beitrag zum friedlichen Miteinander von Staaten mit Bürgern unterschiedlicher Konfession gewertet.

 

Endgültig beendet wurden die kriegerischen Gräuel der intoleranten Religiösität aber erst durch die Aufklärung. Den Vordenkern und Philosophen der Aufklärung bedeutete das Ideal der Toleranz die Befreiung von einer uralten Geißel der Menschheit, von Angst und Gewissensnot.

Von Voltaire ist der Satz überliefert: „Wer mir sagt: Denke wie ich, oder Gott wird dich strafen, der wird mir bald sagen: Denke wie ich, oder ich bringe dich um.“ Der Alte Fritz öffnete Preußen für die in Frankreich verfolgten Hugenotten, und er erließ ein Edikt, daß „die Religionen sollten tolerieret werden“, im Volksmund besser bekannt als „Jeder solle nach seiner Facon selig werden“. Selbst „Heiden und Moslems“, so der Preußenkönig, wolle er „Moscheen bauen, wenn sie kämen und das Land pöblierten.“ Ein äußerst bemerkenswerter Gedanke für die damalige Zeit.

 

Der Dichter und Freimaurer Gotthold Ephraim Lessing gab dem Gedanken der Toleranz in seinem Stück „Nathan der Weise“ ihren bis heute gültigsten Ausdruck. Seine Ringparabel gilt als Schlüsseltext der Aufklärung und als pointierte Formulierung der Toleranzidee, darum möchte ich sie hier in aller Kürze skizzieren: Sultan Saladin, ein Muslim lässt Nathan den Weisen, einen Juden, zu sich rufen und legt ihm die Frage vor, welche der drei monotheistischen Religion (also Christentum, Judentum oder Islam) er für die wahre halte. Nathan erkennt sofort die ihm gestellte Falle: Spricht er sich für das Judentum aus, muss der Muslim Saladin das als Beleidigung auffassen, schmeichelt er hingegen dem Sultan, muss er sich fragen lassen, warum er noch Jude sei. Um einer klaren Antwort auszuweichen, antwortet Nathan der Weise mit einem Gleichnis. Und das geht so: Ein Mann besitzt einen Ring, der die Eigenschaft hat, seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm“ zu machen, wenn der Besitzer ihn „in dieser Zuversicht“ trägt. Dieser Ring wurde über viele Generationen vom Vater an seinen Lieblingssohn vererbt. Doch eines Tages hat ein Vater drei Söhne und liebt sie alle gleichermaßen. Deshalb lässt er sich exakte Duplikate des Ringes herstellen, vererbt jedem seiner Söhne einen der Ringe und versichert jedem, sein Ring sei der echte.

Nach dem Tode des Vaters zerstreiten sich die Söhne heillos und ziehen vor Gericht, um klären zu lassen, welcher von den drei Ringen der echte sei. Der Richter erinnert die drei Männer daran, dass der echte Ring die Eigenschaft habe, den Träger bei allen anderen Menschen beliebt zu machen; wenn aber dieser Effekt bei keinem der drei eingetreten sei, dann könne das wohl nur heißen, dass der echte Ring verloren gegangen sei. Der Richter gibt den Söhnen den Rat, jeder von ihnen solle daran glauben, dass sein Ring der echte sei. Wenn einer der Ringe der echte sei, dann werde sich dies in der Zukunft an der ihm nachgesagten Wirkung zeigen. Jeder der drei Ringträger solle sich also bemühen, die Wirkung des Ringes für sich, also durch eigene Anstrengung, herbeizuführen.

 

Religiöse Intoleranz, die Krieg nach sich zieht, ist bei uns nur noch eine verblasste Erinnerung. Seit dem beginnenden 19. Jahrhundert hat es trotz der anhaltenden konfessionellen Gegensätze in der westlichen Welt kaum mehr Kriege aus religiösem Hass gegeben. Die Intoleranz allerdings ist geblieben und hat sich auf andere Gebiete verlagert: Den oft menschenverachtenden Klassenkampf der Marxisten, den säbelrasselnden Chauvinismus der Nationalstaaten, die mörderische Rassenideologie des Dritten Reiches, die Frage der Rassentrennung in den USA und Südafrika.

 

Außerhalb Europas gibt es religiöse Kriege allerdings bis heute, vornehmlich in den islamischen Staaten. Der Prophet Mohammed hatte seinen Anhängern befohlen, den Glauben an Allah mit dem Schwert zu verbreiten und dazu „heilige Kriege“ zu führen. Als Folge breitete sich der Islam rasant aus, seine Anhänger trugen die grüne Fahne des Propheten bis Persien, Indien, hinaus bis nach Indonesien, fast bis an die Grenze Chinas. Der gemeinsame Glaube der Moslems reicht heute von Casablanca am Atlantik bis zum Malaiischen Archipel und bis nach Europa hinein. Er umfasst heute etwa 1,57 Millionen Menschen auf der ganzen Welt.

 

Im heutigen Diskurs wird gerne das andalusische Modell als frühes Beispiel islamischer Toleranz angeführt, bei dem Christen und Juden auf der iberischen Halbinsel friedlich unter der Herrschaft des Islam zusammenlebten. Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass die maurischen Herrscher, die Spanien bis zur christlichen Reconquista im Jahr 1492 beherrschten, ebenfalls eher dem Prinzip der Nützlichkeit folgten. Islamische Toleranz kennt lediglich Schutzbefohlene, sogenannte dhimma. Die Institution der Dhimma wird als Vertrag interpretiert, der den unterworfenen Andersgläubigen Leben, Eigentum (einschließlich des Rechts, Handel und Gewerbe zu betreiben) sowie die Ausübung ihrer Religion und Selbstverwaltung gewährt gegen die Zahlung spezieller Kopf- und Landsteuern und weiterer Leistungen. Loyalität gegenüber dem islamischen Staat wird ebenso selbstverständlich eingefordert. Dieses Modell beruht auf Koranversen, auf Prophetenworten und weiteren der über Jahrhunderte sich entwickelnden religiösen Rechtsbestimmungen, die Teil des islamischen Rechtsverständnisses sind. Abgesehen von religiösen Geboten diente die Existenz der Ungläubigen im Land des Islam vor allem auch ökonomischen Zwecken.

Juden in hohen Stellungen galten als etwas verlässlicher als Christen, die unter latentem Verdacht standen, verräterische Parteigänger der feindlichen Christenstaaten zu sein. Und gegenüber muslimischen Würdenträgern hatten sie den Vorteil, dass sie dem Kalifen oder Sultan nie bedrohlich werden konnten. Besonders Juden hatten keine tribalen oder familiären Verbindungen zum Hof, sie konnten als Ungläubige nie hoffen, selber die Macht zu erlangen, und verdankten ihre durch die Scharia vorgegebene Stellung einzig dem willkürlichen Entscheid ihres Herrschers – was eine starke Loyalität schuf.

 

Der bisweilen schmerzhafte Prozess der Aufklärung und Säkularisierung, mit dem die christlichen Kirchen in den vergangenen 200 Jahren konfrontiert wurden, hat in der muslimischen Welt bisher nicht stattgefunden. Die Gnadenlosigkeit religiöser Systeme mit weltlicher Macht begegnet uns bis heute in den islamistischen Gottesstaaten. Andersdenkende werden verfolgt, eingesperrt, manchmal sogar aufgrund religiöser Fatwas getötet. In keinem islamischen Land herrscht religiöse Toleranz, wie wir sie im Westen kennen. Andersgläubige sind oft Bürger zweiter Klasse.

Die blutigen Konflikte in Syrien, Irak oder Ägypten, die oft entlang konfessioneller Linien ausgetragen werden, führen sehr deutlich vor Augen, wie bedrohlich es für Andersgläubige wird, wenn ungebildete, verunsicherte, sich entehrt fühlende Menschen sich instrumentalisieren lassen durch Höllendrohungen und Himmelsvisionen. Und just heute, am 11. September, wurden wir alle wieder an eines der mörderischsten Beispiele religiöser Intoleranz erinnert: Die islamistisch motivierten Terroranschläge auf New York im Jahr 2001.

 

Es zeigt sich also: In ihrer Reinform ist Religion zu vielem fähig, falls sie nicht durch einen säkularen Rechtsstaat mit Gewaltmonopol gebändigt wird. Dies gilt natürlich auch für die westliche Welt: Solange die Kirchen sich weltlicher Macht bedienen konnten, war das Leben Andersgläubiger direkt in Gefahr. Dass es heute nicht mehr lebensgefährlich ist, offen an den Dogmen der katholischen Kirche zu zweifeln, liegt nicht daran, dass sie von ihrem Anspruch, alleinige Vertreterin der Wahrheit zu sein, absieht, sondern nur daran, dass sie ihre weltliche, also staatliche Macht eingebüßt hat.

 

Soweit die geschichtlichen Daten. Nun möchte ich zum Abschluss noch einen Blick auf die Gegenwart werfen: Für den heutigen Menschen in der westlichen Kultur stellt sich die Frage nach der Toleranz im täglichen Leben gar nicht mehr im religiösen, und auch kaum noch im ideologischen Sinne. Denn erstens hat Religion erheblich an Identifikationspotenzial verloren, die wenigsten würden sich heute noch über ihre Konfession definieren, viele Kirchen bleiben leer. Zweitens aber haben wir kaum Berührung mit den Mitmenschen, wenn es um innerliche Fragen geht. Im Vordergrund stehen die wirtschaftlichen Beziehungen. Sie sind sachlich und kühl und beschränken sich auf den Austausch von Gütern und Leistungen gegen Geld. Bei diesen Berührungen spielt das Bekenntnis, die innere Überzeugung, der Glaube oder die Hautfarbe des Partners kaum eine Rolle, wenn er nur zahlt bzw. leistet. In der kommerzialisierten Welt ist für Toleranz und Intoleranz wenig Raum. Und doch gibt es weiterhin Intoleranz. Im Zeitalter von Reformation und Aufklärung steckten die unterschiedlichen religiös-kirchlichen Gruppierungen das Konfliktfeld ab. Heute sind es vor allem kulturelle und ethnische Unterschiede. Aber auch die Vielzahl verschiedener Lebensentwürfe, die in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft zu finden sind, sehen manche als Stein des Anstoßes.

 

Um die etwas komplexe Toleranz der modernen Zeit besser zu veranschaulichen, möchte ich mich eines Werkzeugs der Nikomachischen Ethik von Aristoteles bedienen. Der griechische Philosoph schrieb einmal, jede ethische Tugend müsse zwischen zwei Extremen ausbalanciert werden. Es gilt, die richtige Mitte zwischen Übermaß auf der einen Seite und Mangel auf der anderen zu finden und diese Balance zu halten. Betrachten wir nun also die Toleranz als ethische Tugend, nach der wir als Freimaurer alle streben. Das eine Extrem, der Mangel, ist die bereits sattsam bekannte Intoleranz. Was aber ist das Übermaß an Toleranz? Kann es so etwas geben?

 

Hierbei handelt es sich um die „weil es keine Wahrheit gibt, haben alle recht“ – Toleranz. In Anlehnung an die Wissenschaft spricht man von „Relativismus“. Für den Relativisten gibt es gar keine objektive Wahrheit und deshalb ist alles gleichgültig im wörtlichen Sinne. Wenn nichts wahr ist – ist alles wahr! Doch wer sich aufgrund einer solchen Aussage für besonders weltoffen hält, der verwechselt Toleranz mit Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit im philosophischen oder auch alltäglichen Sinne ist aber nur Feigheit bzw. Ignoranz im Gewande vermeintlicher Toleranz. Und diese falsch verstandene Toleranz öffnet im Grunde wieder der Intoleranz Tür und Tor. Die deutsche Philosophin Hannah Arendt merkt an, dass „der ideale Untertan eines totalitären Regimes weder der überzeugte Nazi noch der überzeugte Kommunist ist, sondern der Mensch, für den der Unterschied zwischen Tatsache und Fiktion, zwischen wahr und falsch verschwunden sei.“ Tolerieren kann ich per se nur das, was meinem eigenen, gefestigten Standpunkt zuwiderläuft. Und nur wer selbst einen eigenen Standpunkt hat, kann die Unterschiedlichkeit seiner Mitmenschen erst bewusst wahrnehmen und aktiv tolerieren. „Ignorieren ist noch keine Toleranz“, hat der Dichter Theodor Fontane einmal gesagt. Und hinzu kommt noch ein philosophisches Dilemma: Wer sagt, es gebe keine Wahrheit, behauptet damit, dass die Aussage: Es gibt keine Wahrheit – wahr sei – und vertritt damit schon einen Absolutheitsanspruch.

 

Was aber ist nun die aristotelische Mitte, die weder engstirniger Intoleranz noch desinteressierter Gleichgültigkeit Raum lässt? Wir Freimaurer verstehen darunter die aktive Toleranz. Interesse am Fremden und Unbekannten, anderen Meinungen mit offenem Herzen zuhören, unvoreingenommene Wissbegier und Anerkennung der Verschiedenheit der Menschen und ihrer gleichen Rechte machen sie aus. Freimaurerische Toleranz bedeutet weder intolerantes Abkanzeln noch desinteressiertes Geltenlassen anderer Meinungen. Es geht vielmehr um die Bereitschaft, die Überzeugung des Gegenübers – sei er nun Gleichgesinnter oder Gegner – in ehrlicher Auseinandersetzung zu respektieren. Überwindung von Egoismus durch Gespräche, Anleitung und Vorbild ist fortdauernder Gegenstand freimaurerischer Arbeit. Dabei ist jedem Freimaurer bewusst, dass die Toleranz dort ein Ende findet, wo sie zur Gleichgültigkeit gegenüber Intoleranten verkommt.

 

Die Freimaurerei ist in der Aufklärung entstanden, und Aufklärung ist kein Zeitabschnitt, sondern ein fortdauernder Prozess, der nie zum Stillstand kommt, solange der Mensch ein kritisch denkendes Wesen bleibt und sich immer wieder aufs Neue der Grenzen jeder Einsicht bewusst wird. Wir alle tun uns von Natur aus schwer damit, Menschen zu akzeptieren, die ihr Leben in welcher Hinsicht auch immer komplett anders leben als wir selbst. Auch hier bietet die Freimaurerei die Chance, an sich zu arbeiten: In den Logen kommen Brüder aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammen, um sich selbst zu erkennen und an den eigenen Unzulänglichkeiten zu arbeiten. Wahre Toleranz zu leben stellt uns alle sicher immer wieder vor besonders große Herausforderungen. Umso mehr müssen wir stets darum bemüht sein, unseren Mitmenschen offenherzig gegenüberzutreten – ohne Vorurteile und immer in dem Bewusstsein, dass alle Menschen an Rechten gleich geboren werden und sterben. Verehrte Gäste, liebe Brüder, ich möchte meinen Vortrag mit einem kurzen Satz des Journalisten und Freimaurers Kurt Tucholsky beschließen: „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat.“