Burnout – eine unerwartete Erfahrung von H. Sch.

Vortrag gehalten am 18. April 2012 bei einem Treffen der Berliner Freimaurerloge  „Drei Lichter im Felde“ mit Schwestern und Gästen

 

Liebe Schwestern und Brüder,
verehrte Gäste,

 

um das Thema Burnout ist dieser Tage schwer herum zu kommen. Allenthalben werden Artikel geschrieben, Fernsehsendungen produziert und in Ratgebern werden hierzu Lebenshilfen von Naturheilkunde bis Esoterik angepriesen. Auch wird eine Vielzahl von mehr oder weniger hilfreichen Tests in Zeitschriften oder dem Internet zu diesem Thema angeboten. Je nach Ausrichtung kann man hinterher erfahren, ob oder wieweit man gefährdet ist, ob man bereits ein Burnout hat (oder hatte) oder welche Risikofaktoren zu vermeiden oder zu mindern sind. Kurz gesagt stellt sich zuallererst die Frage, was unter einem Burnout zu verstehen ist.

Burnout ist keine Krankheit – die Fachwelt spricht von einem Syndrom.

Aufgrund der Vielfältigkeit der Erscheinungsformen und Entstehungsursachen gibt es keine einheitliche Definition. Zuerst wurde das Syndrom Anfang der 70er Jahre des vorangegangenen Jahrhunderts im Zusammenhang mit Pflegeberufen beschrieben und danach auf weitere Berufe und andere Personengruppen ausgedehnt. Allgemein geht man davon aus, dass Berufsgruppen, die mit Menschen im Umgang stehen (wie in der Pflege, in der Schule, im Verkauf, im Service) gefährdet sind. Es trifft vorwiegend Menschen, die im Berufsleben sehr engagiert sind und oft hohen Erwartungen und Verantwortungen gerecht werden müssen oder wollen. Das Burnout-Syndrom ist nach dem amerikanischen Psychologen Herbert Freudenberger eine körperliche und seelische Reaktion auf chronische Stressfaktoren.

Meist steht das Burnout-Syndrom als vorläufiger Endpunkt einer Entwicklungslinie:

  • Meist ist ein hoher, übertriebener Ehrgeiz und Anspruch an die eigene Arbeit vorhanden.
  • Diese Haltung führt dazu, dass der Betroffene sich verstärkt engagiert.
  • In der Folge werden eigene Bedürfnisse vernachlässigt und der Betroffene kann sich nicht mehr erholen.
  • Daraus ergibt sich eine abnehmende Flexibilität im Denken und Handeln; man wird „dünnhäutig“.
  • Es entstehen eine innere Leere, Angstgefühle und Suchtverhalten.
  • Zunehmende Sinnlosigkeit geht mit Desinteresse an seiner Arbeit und Umwelt einher.
  • Am Ende steht eine körperliche, gegebenenfalls lebensbedrohliche Erschöpfung.

Eingangs sagte ich „vorläufiger Endpunkt“. Dies ist so zu verstehen, dass bei einem Burnout-Syndrom mit schweren Verläufen nicht selten eine Depression ausgebildet wird. Und dies ist eine Krankheit.

Es gibt aber auch die Ansicht, dass Burnout eine Modediagnose ist. Burnout suggeriert, dass der Mensch gebrannt hat, dass der Mensch über das Maß hinaus geleistet hat, dass der Mensch sich schließlich überanstrengt hat. Festzustellen ist, dass besonders die guten, die engagierten mit hohem Anspruch an Perfektion und Verantwortung betroffen sind. Hieraus wird das positive Ansehen, die Akzeptanz abgeleitet. Sieht man im Burnout eine Ausweich- oder Ersatzdiagnose, wird unter Umständen die psychische Erkrankung dahinter verschleiert und auf diese Weise einer wirkungsvollen Therapie entzogen. Erschwerend kommt hinzu, dass Burnout und noch mehr Depression als Zeichen von mangelnder Belastbarkeit gilt. Dabei wird zu gern verkannt, dass Krankheiten jeden ohne Ansehen der Person treffen können.

Inzwischen sind die meisten Psychiater der Ansicht, dass Burnout nur als ein beschönigendes Synonym für die stigmatisierte Depression verwendet wird. Es klingt gesellschaftlich anerkannt, wenn „Mann“ oder „Frau“ davon erzählen kann, ein Burnout gehabt zu haben. Die Depression gilt nicht umsonst als Leiden von Frauen: die Diagnose wird bei Frauen dreimal häufiger gestellt als bei Männern. Das liegt zum einen daran, dass Frauen es eher akzeptieren, Schwäche zu zeigen. Männer machen das Ganze lieber mit sich selbst aus, so eine Studie des Freiburger Universitätsklinikum. Männer gehen erst dann zum Arzt, wenn es gar nicht anders geht. Zum Anderen werden aufgrund der abweichenden Reaktion von Männern auf Dauerstress häufig Suchterkrankungen diagnostiziert. Bedenkt man, dass Suizide meist das Ergebnis psychischer Störungen sind, bekommt der Anteil der Männer in der Selbstmordstatistik von ca.  75% ein ganz anderes Gewicht. Die WHO schätzt, dass spätestens 2030 Depressionen weltweit die wichtigste Ursache für Erkrankungen sein werden.

Schon die üblichen Verläufe der Störungen zeigen, um den anderen Teil des Themas kurz zu streifen, dass ein Burnout keine unerwartete Erfahrung sein muss. Zu vielfältig sind die Hinweise auf einen drohenden Zusammenbruch. Diese müssen nur erkannt werden (was schwer ist) und es ist darauf zu reagieren (was noch schwerer ist). Aber wie gegen alles, um Hildegard von Bingen zu zitieren, ist auch gegen Burnout ein „Kraut“ gewachsen. Bevor ich mich dem Themenkomplex Burnout-Vorbeugung bzw. Burnout-Behandlung (so genannte Intervention) widme, sei mir ein Ausflug in die Grundlagen zum besseren Verständnis der zuvor gegebenen Definition gestattet.

In der Definition ist von Burnout eine Folge von chronischem Stress die Rede. Stellt sich die Frage: Was ist Stress und wodurch entsteht Stress?

Um diese Frage zu beantworten lohnt ein Blick auf den Menschen an sich.

Der Homo Sapiens hat vor ungefähr 30.000 Jahren den Neandertaler verdrängt. Am Beginn der Entwicklung war der Mensch Jäger und Sammler. In dieser Zeit wurden die grundsätzlichen Verhaltensprinzipien festgelegt und die genetische Ausstattung geschaffen, die das bestmögliche Überleben sichert. Vor ca.  6.000 Jahren wurde der Mensch sesshaft und begann sich einzurichten. Die ersten Hochkulturen entstanden.

Vor ungefähr 500 Jahren begann die Neuzeit und über die Renaissance, die Industrialisierung und Nutzung der Elektrizität gelangten wir schließlich vor rund 70 Jahren ins Computerzeitalter (1941 Zuse) und in den 80er Jahren in das Kommunikationszeitalter (erst E-Mails, dann 1989 WorldWideWeb).

Der Mensch ist in seiner genetischen Ausstattung und im Erlernen neuer Verhaltensmuster an den Generationswechsel gebunden. Wenn man dies berücksichtigt, bedeutet das zuvor gesagte, dass der Mensch sich zunächst einmal ungefähr 1.500 Generationen als Jäger und Sammler eingewöhnen konnte.

In den folgenden 275 Generationen hat er seine Konstitution erst auf Landwirtschaft, dann Handwerk und Manufaktur umgestellt.

Von den letzten 25 Generationen lebten 14 noch ohne Elektrizität aber nur drei – das sind wir – mit Computer und eine mit dem Internet.

Um diese Beschleunigung zu verdeutlichen, dient folgendes Rechenexempel.

Wenn heute 24:00 Uhr entspricht, dann ist:

Das ist Stress: Das Tageslicht haben wir als Jäger und Sammler genutzt, bis tief in die Nacht im Dunkeln gesessen und in den letzten 3 Minuten haben wir schnell noch den Computer erfunden, verbessert und verbreitet um in der letzten Minute vor Mitternacht auch noch das Web einzuführen. Und da wundern wir uns heute, dass wir den gesteigerten Anforderungen nicht mehr gerecht werden?

Um die Einstiegsfrage zu beantworten: Stress entsteht, wenn wir vor Anforderungen gestellt werden, denen wir uns nicht mehr gewachsen fühlen. Die Stress auslösenden Faktoren werden Stressoren genannt. Das kann der gute alte Säbelzahntiger, der Nachbar mit der größeren Keule oder auch das Verlangen nach ständiger Erreichbarkeit sein. Stresstoren können

  • in der Person (falsche Berufswahl, persönliche Arbeitsorganisation, Emotionalität),
  • im Vorgesetzten (Uninformiertheit, Durchsetzungsschwäche, übermäßige Kontrolle, Unberechenbarkeit, fehlende Wertschätzung),
  • im Privatleben (private Sorgen, Einsamkeit),
  • im Team (destruktive Konkurrenz, Intrigen, Einzelkämpfernaturen) oder
  • im Umfeld (schwierige Zielgruppe/Patienten, Massenabfertigung, Kommunikationsbarrieren)

verankert sein.

Wozu dient Stress?

Stress ist zuallererst eine körperliche Vorbereitung auf Flucht oder Angriff:

  • Muskelspannung wird aufgebaut.
  • Die Adern verengen sich, damit man nicht so stark blutet.
  • Der Blutdruck steigt.
  • Das Gehirn wird nicht mehr so stark mit Blut und Sauerstoff versorgt.
  • Stresshormone (Kortisol, Adrenalin) werden ausgeschüttet.

Der Mensch wird körperlich leistungsfähiger; Flucht oder Aggression sind erfolgreich. Stress erzeugt aber auch im Individuum eine Verhaltensänderung; der Mensch lernt. Sie kennen dies bestimmt aus eigener Erfahrung, dass man erst dann bereit ist sein Verhalten zu ändern, wenn der Druck, die Not groß genug ist. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, lernt auch seine Gruppe mit. Was die Gruppe gelernt hat, kann sie auch an die Nachkommen weitergeben. Insofern dient Stress auch der Weiterentwicklung der Menschheit.

Und nach dem Stress ?

Der Körper erholt sich von der Anstrengung. Die Körperfunktionen kommen wieder in den Normalzustand. Dieser Regelprozess sichert das Überleben und hat den Menschen so erfolgreich werden lassen.

Die genetische Disposition und die Umstände in der frühkindlichen Prägungsphase zeigen einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Stressanfälligkeit. Wenn die hormonellen Alarmsysteme zu früh im Leben auf Dauerstress geeicht werden, dann reagieren sie auch im weiteren Leben besonders empfindlich auf Belastungssituationen.

Nun sind frühere Generationen nicht behüteter aufgewachsen. Im Gegenteil hatten frühere Generationen durch Kriege, Naturkatastrophen oder Epidemien erhebliche Belastungen auszuhalten. Zur Bewältigung dieser, von außen einwirkenden Faktoren hat sich der Mensch seit je her zu Gruppen (Familien, Sippen oder Stämmen) zusammengeschlossen.

In letzter Zeit sind vielfältige Veränderungen in der Gesellschaft eingetreten, die verstärkt dazu beitragen, den Regelprozess von Stress und Stressabbau aus dem Gleichgewicht zu bringen. In der westlichen Gesellschaft ist eine Tendenz zur Vereinzelung der Menschen zu beobachten. Die Selbstverwirklichung wird gepriesen. Durch die geforderte erhöhte Flexibilität der Arbeitnehmer werden nicht nur Generationen, sondern auch Familien- und Freundschaftsverbände getrennt und wieder neu zusammengesetzt. Dadurch fehlen verlässliche und tragfähige Strukturen, die Jahrhunderte lang Unterstützung bei der Lebensführung geboten haben. Ständige Erreichbarkeit (Internet, E-Mail, Handy) für jeden und jederzeit, Verlagerung von Aufgaben von Dienstleistern auf den Einzelnen (Online-banking, Trivago.de, SB-Märkte) sowie immer mehr Arbeit für immer weniger Beschäftigte verursachen Stress. Dies hat zur Folge, dass die Stressfaktoren in immer kürzeren Abständen auftauchen und somit die notwendigen Ruhephasen unterbrechen. Damit kann die Erholung nicht mehr eintreten; die Stresssymptome werden chronisch.

Die körperlichen Reaktionen auf das chronische Auftreten von Stressoren reichen

  • von ersten Anzeichen von Erschöpfung wie Schlafstörungen, Schmerzen, Tinnitus, Herzrhythmusstörungen, verminderter Leistungsfähigkeit oder erhöhter Reiz- und Kränkbarkeit,
  • über fortschreitende Erschöpfung mit einhergehenden Verhaltensänderungen wie Aggressivität, blinder Aktionismus, Rückzug von Freunden und Familie, Ohnmachtsgefühlen oder Konzentrations- und Gedächtnisproblemen,
  • bis hin zur völligen Erschöpfung mit vollkommener Apathie, Suizidgefahr, Depression oder drohendem Infarkt.

Darüber hinaus kommt es durch einen dauerhaft zu hohen Kortisolspiegel zu körperlichen Veränderungen:

  • Fetteinlagerungen in der Bauchhöhle, das so genannte schlechte Fett,
  • der Hippocampus schrumpft und damit die Leistungskraft des Gehirns,
  • das Immunsystem wird geschwächt und kann Infekte nicht mehr abwehren,
  • die Telomeren werden verkürzt, damit wird die Zellteilung behindert, man altert schneller.

Genauso wenig wie die Gesellschaft bereit ist, sich mit dem Leiden hinter dem burnout-Syndrom auseinanderzusetzen, nehmen viele Unternehmen die zunehmende Beeinträchtigung ihrer Mitarbeiter nicht ernst. Dies ist in höchstem Maße fahrlässig, da z.B. eine Studie der Betriebskrankenkassen gezeigt hat, dass durch psychische Erschöpfung am Arbeitsplatz 2009 der deutschen Volkswirtschaft ein Schaden von 6,3 Milliarden Euro entstanden ist.

Mit diesem Wissen versehen wagen wir uns an eine verbesserte Definition: Das unausgewogene Verhältnis zwischen Anforderungen und Leistungsvermögen führt zu Stress. Dabei kommt es auf das subjektive Empfinden an. Das wurde in Tierexperimenten nachgewiesen. Ratten, die keine Möglichkeit hatten die Stressfaktoren abzustellen, wiesen eine signifikant ausgeprägtere Immunschwäche gegenüber einer Vergleichsgruppe auf, die ebenfalls den gleichen Stressfaktoren ausgesetzt waren, diese aber abzustellen können glaubten. Daraus folgt, dass ein Ohnmachtsgefühl die burnout-Gefahr ebenso verstärkt wie, ein Missverhältnis zwischen beruflicher Verausgabung und Belohnung, das auf eine übersteigerte Bereitschaft zur Selbstausbeutung trifft.

Damit Stress nicht chronisch wird und zum burnout führen kann, gibt es Handlungsmöglichkeiten. Diese lassen sich aus den Einflussfaktoren und den Wirkzusammenhängen ableiten.

1. Wertschätzung

Wenn ein Mensch für die von ihm geleistete Arbeit eine als angemessen empfundene Belohnung erhält, entsteht kein Missverhältnis und die Stressbildung unterbleibt. Eine Beschränkung auf die rein materielle Belohnung greift zu kurz, da die Entlohnung ständig steigen müsste, um die durch Geldzahlungen gesteigerten Erwartungen zu übertreffen. Da nur dieses Mehr motiviert, würden unweigerlich innerhalb kurzer Zeit aberwitzige Geldbeträge zu zahlen sein. Außerdem decken Geld oder geldwerte Äquivalente die Bedürfnisse eines Menschen nur unvollkommen ab. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er will geliebt werden. Das bedeutet, dass man nicht nur das Arbeitsergebnis, sondern auch den Leistungserbringer annehmen und wertschätzen muss. Dies steht diametral zu der häufig noch anzutreffenden Meinung, dass nicht gemeckert schon Lob genug sei. Wer einmal in der Personalführung erlebt hat, welches Wohlbefinden und Engagement ein Mitarbeiter aus einem Lob generiert, der wird dieses Instrument gern einsetzen. Im Gegensatz zum schnöden Mammon ist Lob nicht inflationär: es wird immer wieder gerne entgegen genommen; am besten unerwartet und vor versammelter Mannschaft.

Das eben Gesagte gilt nicht nur für Arbeitnehmer, sondern für alle Belange des täglichen Lebens. Jeder Mensch freut sich über ein Lob oder zumindest Dank für seine Leistung. Auch Komplimente werden gerne entgegen genommen. Denn oft genug wird vergessen, dass alle Beschäftigung außerhalb der beruflichen Tätigkeit eine Anstrengung, ein Zeitaufwand und manchmal auch eine Mühe darstellen. Diese ist umso höher zu bewerten, da sie nicht des Geldlohnes wegen erbracht wird.

2. Klare konstante Strukturen

Flexibilität und die rasche Anpassung an veränderte Umweltbedingungen ist zum Taktgeber für die Organisation von Unternehmen geworden. Leider wird darunter gerne die Umstrukturierung gesamter Betriebe oder Betriebsteile verstanden, so dass die Mitarbeiter gar nicht mehr mitkommen, in welcher Struktur die Aufgabenerledigung zu erfolgen hat. Dabei werden zwei Grundprinzipien verletzt: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er verändert sein Verhalten nur höchst ungern und wenn, dann nur langsam. Jeder Mensch braucht konstante Verhältnisse, die eine rasche Orientierung ermöglichen. Unter diesen Bedingungen fühlt er sich wohl und kann den Herausforderungen, die die Umwelt bietet, seine volle Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Wenn Unklarheit über derzeit geltende Organisationsstrukturen herrscht, entstehen außerdem so genannte informelle Strukturen. Diese sind nicht gewollt, da sie alle Kontrollmechanismen unterlaufen und regelmäßig den gewünschten Erfolg der Unternehmung verhindern. Auch sind nur schwer wieder abzuschaffen. Es scheitert schon meist daran, dass sie nicht offen zutage treten.

Man kann mit einer klaren, organisch gewachsenen Organisation flexibel reagieren, in dem man die Organisationseinheiten mit genügend Spielraum ausstattet, sodass diese ihre Arbeitsweise anpassen. Statt ständig neue Einheiten zu generieren ist es einfacher, die neuen Aufgaben bestehenden Einheiten zuzuweisen und im Zweifel diese zu verstärken oder durch Umverteilung zu entlasten.

3. Stressmanagement

Zunächst einmal muss sich das Unternehmen und insbesondere die Unternehmensführung dazu bekennen, dass Stressbewältigung zur Unternehmenskultur gehört. Das bedingt eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema Stress und dessen Folgen. Der Maßnahmenkatalog reicht von Coaching- oder Mentoring-Angeboten für Mitarbeiter, über Qualifizierungsmaßnahmen für Führungskräfte bis hin zu Wiedereingliederungshilfen für genesene Mitarbeiter.

4. Realistische Zielsetzungen

Falsche Zielsetzung ist ein ganz erheblicher Stressfaktor. Da vom burnout-Syndrom häufig hoch- oder übermotivierte Mitarbeiter bedroht sind, ist die unrealistische Zielsetzung teilweise durch die Mitarbeiter selbst verursacht. Die Mitarbeiter können nicht „nein“ sagen, sie muten sich ein zu hohes Pensum zu und sind nicht in der Lage, gegebene Zusagen zurückzunehmen oder übernommene Aufgaben wieder abzugeben. Ihr Selbstverständnis, ihre Arbeitsauffassung und Arbeitsethik steht einer realistischen Zielsetzung im Wege. Diesen Mitarbeitern ist mehr Gelassenheit gegen ihren Perfektionismus zu empfehlen. Außerdem sollten sie lernen, dass auch andere die Aufgaben übernehmen können. Wenn man erst mal losgelassen hat, erkennt man vielleicht, dass die delegierten Arbeiten nicht nur schneller (da parallel bearbeitet), sondern auch besser erledigt (Mitarbeiter qualifizierter) werden.

Bei verordneter Zielsetzung kann es nur darum gehen, in der Zielvereinbarung genügend Realitätssinn zu zeigen. Wenn sich realistische Ziele wegen irrationaler Ansichten der Führung nicht durchsetzen lassen, ist im hohen Maße eine Gefährdung gegeben, da der Mitarbeiter sich der Situation ausgeliefert fühlt. Ist der Zustand auf Dauer nicht anders abstellbar, hilft nur der Arbeitsplatzwechsel.

5. Ausreichende Erholung

Schlagworte wie work – life – balance weisen auf einen anderen Aspekt der Stressbewältigung hin. Nicht alle Stressfaktoren lassen sich ausschalten. Also muss dem natürlichen Mechanismus zum Stressabbau Raum gegeben werden. Ich möchte hier nicht auf die vielfältigen Freizeitangebote eingehen, die Arbeitgeber zur Verfügung stellen können und inzwischen auch anbieten. Da Stress eine Vorbereitung des Körpers auf eine Flucht oder Angriffssituation ist, kann die erzeugte Spannung gut durch eine sportliche Betätigung abgebaut werden. Regelmäßiger Ausdauersport von 30 Minuten dreimal die Woche ist eine gute Richtschnur. Und Hand aufs Herz: Wer erreicht dieses Pensum im Alltag? Apropos sportliche Betätigung: der Mensch ist in früheren Zeiten, also bevor er in Metallkisten oder auf Tiere zur Fortbewegung geklettert ist, durchschnittlich 10 km pro Tag gelaufen. Das Laufen auch heute noch fit hält, sieht man an den Afrikanern, denen der Rest der Weltbevölkerung regelmäßig bei Wettkämpfen nur hinterherläuft.

Die körperliche Stressbewältigung reicht allein nicht aus. Erholung zum regene-rativen Stressmanagement umfasst neben körperlichem Ausgleich auch Ruhe und Sinnstiftung. Zur Ruhe zählt unbedingt regelmäßig ausreichend Schlaf. Auf Vorrat schlafen oder Schlaf nachholen geht nur bedingt. Nach dem DAK Gesundheitsreport 2010 hat fast die Hälfte unserer Bevölkerung – und davon cirka 10 % hochgradige – Schlafprobleme. Unsere Gesellschaft geht zu wenig auf das Phänomen der Chronotypen ein. Unsere Konventionen begünstigen ausgeprägte Lärchen (Frühaufsteher), obwohl diese mit nur cirka 20 % in der Bevölkerung vertreten sind. Der Rest leidet mehr oder weniger einem sozialen jet lag und kann seine volle Leistungsfähigkeit nicht erreichen.

Unter Sinnstiftung ist die Bereicherung der Lebensgestaltung neben der Arbeit zu verstehen. Wenn man jung ist und das ganze Leben noch vor sich hat, fällt es einem leicht durch das Setzen von Lebenszielen, aber auch durch Träumereien dem Leben einen Sinn zu geben. Mit fortschreitendem Alter werden die Lebensziele entweder realisiert oder hinfällig. Und so nimmt es nicht wunder, dass Sinnkrisen gehäuft entstehen, die auch ohne burnout lebensbedrohliche Ausmaße annehmen können. Als Gegenmaßnahme seien hier die Beschäftigung mit Hobby, Familie oder Freunde genannt. Im Übrigen sind die Deutschen immer noch Weltmeister im Reisen.

6. Stabiles soziales Umfeld

Das bedeutsamste Mittel zur burnout-Prävention sind stabile soziale Netzwerke. Über Familien- oder Freundschaftsverbände habe ich schon gesprochen. Zu nennen sind auch Religionsgemeinschaften und Sportvereine. Nicht zu vergessen ist die freimaurerische Gemeinschaft. Durch das Eintreten der Freimaurer für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, für Hilfsbereitschaft, für Brüderlichkeit und für ein friedliches, sozial gerechtes Zusammenleben aller Menschen stehen sie in besonderem Maße für ein stabiles Umfeld. Durch ihre humanitäre, auf Toleranz und Achtung der Menschenwürde beruhende Geisteshaltung stehen sie auch für den obengenannten Faktor der Sinnstiftung und helfen durch die Entfaltung und permanente Ausbildung der Persönlichkeit bei der Änderung von Einsichten und Verhaltensweisen.

Abschließend lässt sich feststellen, dass burnout keine unerwartete Erfahrung sein muss, da man in der Regel einen Entwicklungsprozess zum burnout-Syndrom durchläuft, der jederzeit unterbrochen und beendet werden kann. Geschieht dies zu einem späten Zeitpunkt, ist nicht selten ein ernstzunehmendes psychisches Leiden im Hintergrund entstanden, dass neben den körperlichen Beeinträchtigungen immer ärztliche Hilfe erfordert. Burnout hat weder etwas mit Schwäche noch mit Heroismus zu tun. Wer sein Leben bewusst, mit wachem Verstand und standhaftem Herzen, inmitten stabiler privater Beziehungen führt, der hat den besten Schutz vor Stressauswirkungen und damit vor einem burnout. Der Mensch muss mit seinen Ressourcen sorgsam umgehen.

Jeder Mensch hat nur ein Leben.