Glück von A.P.

Vortrag gehalten am 29.01.2014 beim Gästeabend der  Berliner Freimaurer Loge „Drei Lichter im Felde“

Verehrte Gäste, liebe Brüder,

heute möchte ich ein paar Gedanken zum Thema Glück formulieren. Es handelt sich dabei um einen ganz besonderen Begriff, denn ausnahmslos jeder Mensch strebt nach Glück. Der Begriff Glück ist durchweg positiv besetzt und weckt keinerlei negative Assoziationen. Erst kürzlich, zum neuen Jahr, haben wir unseren Familien und Freunden (und auch uns selbst) viel Glück gewünscht. Andere an sich positive Begriffe wie „Sicherheit“ oder „Freiheit“ sind sofort auch mit mindestens potentiellen Nachteilen verbunden. Das Streben des Menschen nach ihrem Glück aber erfolgt ohne Bedenken oder Hintergedanken. Was aber ist wahres Glück? Und wie erreicht man es? Ein Blick auf den heutigen Markt der Möglichkeiten eröffnet eine schwindelerregende Fülle an Experten, die einem dieses ersehnte Gefühl versprechen. Die Bandbreite reicht von Psychologen und Theologen über Astrologen und Kaffeefahrtenveranstalter bis hin zu Gourmets und Esoterikern. So gesehen müssten die Menschen heute eigentlich glücklicher sein als je zuvor. Doch interessanterweise ist das Gegenteil der Fall – Depressionen und Burnout sind häufige Diagnosen. Immer mehr Menschen sehen trotz allen Fortschrittes keine Chance für ein glückliches Leben. Sie fühlen sich leer und äußerlich bedroht, nur wenige blicken mit Zuversicht in die Zukunft. Rastlos hetzen sie von einem Genuss zum nächsten, immer auf der Suche nach dem versprochenen Glück. Ohne dabei zu merken, dass es längst auf der Strecke geblieben ist. Natürlich wäre es falsch zu sagen, dass Konsum und Geld per se unglücklich machen. Wer in einer Gesellschaft lebt, in der seine Sicherheit permanent bedroht ist, für den besteht Glück vor allem darin, zu überleben und Verletzungen zu vermeiden. Danach kommt das Dach über dem Kopf, dann weitere materielle Grundbedürfnisse. Auch Geld kann den Menschen durchaus glücklich machen. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Sobald die Grundbedürfnisse befriedigt sind, flacht die Glückskurve ab, je mehr man verdient. Menschen, die Luxus und Reichtum für besonders wichtig halten, sind sogar eher unglücklich. Denn reine Materialisten haben weniger Raum für Freunde in ihrem Leben. Das macht nicht glücklich, sondern einsam. Wir können also festhalten: Der reine Hedonismus, bei dem das private Glück in der dauerhaften Erfüllung individueller und physischer Lust gesehen wird, erreicht an irgendeinem Punkt seine Grenze. Wo genau dieser Punkt liegt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Viele von uns haben allerdings auch verlernt, das materielle Glück, in dem wir leben, wertzuschätzen. Sicherheit, Freiheit, reichlich zu essen, ein komfortables Zuhause und körperliche und geistige Gesundheit werden als Selbstverständlichkeiten hingenommen. Erst wenn eines dieser Dinge plötzlich fehlt, wird es in rückblickend als großes Glück wahrgenommen.

 

Für viele Philosophen von der Antike bis zur Gegenwart ist das Glück nichts Zufälliges oder gar Käufliches, sondern vielmehr das begleitende Gefühl eines aktiven Lebensstils. Diese Art des Glücks wird im Griechischen Eudaimonia genannt. Die Eudaimonia erwächst aus der beständigen Anstrengung, den täglichen Freuden und Rückschlägen des Lebens mit einer stabilen Haltung zu begegnen. Zu den antiken Klassikern dieser Art von philosophischer Lebenskunst zählen die griechischen Philosophen Platon und Aristoteles und die römischen Stoiker.

Glück stellt sich demnach durch die ständige Einübung von Tugenden ein. Ganz zu Anfang stehen jedoch die Selbsterkenntnis und das Eingeständnis, dass man als Mensch schwach, fehlbar und nur zu oft Sklave seiner Triebe ist. Aus dieser Selbsterkenntnis heraus, die auch durch den Glauben an einen Gott erwachsen kann, sollte dann Mäßigung folgen. Besonders gut wird dieser Gedanke durch die Mesotes-Lehre des Aristoteles veranschaulicht. Während sogenannte intellektuelle Tugenden, wie etwa Weisheit oder Klugheit, erlernt werden können, bedürfen die Charaktertugenden vor allem der Einübung, damit sie angeeignet werden. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass es bei den Verstandestugenden nur ein Mehr oder Weniger geben kann, wohingegen das Besondere der Charaktertugenden gerade darin besteht, dass sie ihre Vervollkommnung durch das Erreichen der Mitte erlangen. Wenn der Mensch seine sinnlichen Begierden zügelt und sich zum Beispiel in Fleiß als goldene Mitte zwischen Ehrgeiz und Faulheit oder in Großherzigkeit als goldene Mitte zwischen Kleinmut und Aufgeblasenheit übt; und wenn er sich bemüht, mit seiner Vernunft nicht nur sich selbst, sondern auch das Feld der Wissenschaft zu beherrschen, dann kommt er dem  wahren Glück, der „heiteren Gelassenheit“ gegenüber den Widrigkeiten des Lebens, schon sehr viel näher. Zu den Tugenden gehört auch, für Gerechtigkeit in der Polis, also im Gemeinwesen zu sorgen. Aristoteles plädiert für eine demokratische Regierung: Verantwortung für die Gemeinschaft ist bei ihm Bürgerpflicht und Voraussetzung für das persönliche Glück. Auf die heutige Zeit angewandt kann man also sagen, dass Ehrenämter und die Sorge für seine Mitmenschen, sei es nun im kirchlichen, politischen oder sozialen Bereich, nicht zuletzt auch zum persönlichen Glück beitragen.

Warum aber ist es so wichtig, den eigenen Charakter zu bilden, sich kontinuierlich anzustrengen und um die Erlangung und Einhaltung der Tugenden zu bemühen? Eine sehr praktische Erklärung dafür liefert der Stoiker und römische Kaiser Marc Aurel. Er hat einmal gesagt: „Auf die Dauer nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an“. Das stimmt vor allem, wenn es ums Glück geht. Wer die Welt mit positiven Augen sieht, sich häufiger das Schöne im Leben bewusst macht und stets auch das Wohl seiner Mitmenschen im Auge hat, ist glücklicher. Dazu aber bedarf es der kontinuierlichen Arbeit an sich selbst, denn der Mensch neigt leider oft zu Selbstbezogenheit und Pessimismus.

Zur Veranschaulichung möchte ich eine kleine Geschichte aus Paul Watzlawicks „Anleitung zum unglücklich sein“ wiedergeben: „Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren sch…. Hammer“.“

Diese kleine Anekdote zeigt: Gute wie schlechte Gefühle sind kein Zufall, sondern die Antwort unseres Gehirns und des Körpers auf einen Reiz. Wer sich selbst erkennt, seine Triebe bändigt und an seinem Charakter arbeitet, denkt schließlich auch positiver. Zu diesem Prozess gehört auch, dass man gezielt Situationen und Erlebnisse sucht, die man als erfüllend empfindet. Für den einen ist das Sport, für den anderen Zusammensein mit Freunden, Kochen oder Reisen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, glücklicher zu werden. Man muss allerdings auch dazu sagen, dass dieser Weg kein linearer Prozess ist. Es gibt kein Geheimrezept, keinen philosophischen oder religiösen Königsweg. Das aristotelische Prinzip ist, wie alle anderen Wege auch, von Rückschlägen geprägt, denn  wir erinnern uns: Der Mensch ist schwach und fehlbar. Was also folgt daraus? Nach der anfänglichen Selbsterkenntnis folgt Mäßigung – und aus der Mäßigung muss Geduld erwachsen. Ein vollkommenes und perfektes Glück wird es nie geben. Das Streben nach Glück ist ein ständiges Ringen mit sich selbst und läuft auch mal im Rückwärtsgang. Im Endeffekt kann Glück nur erfahren, wer es schon einmal mit dem Gegenteil zu tun hatte: dem Unglück. Dazu möchte ich aus dem Buch „Angewandte Ethik“ von Ernst Horneffer zitieren: „Das Glück ist immer ein Triumpf nach schwerer Schlacht, ist ein Sieg über irgendwelche Hemmnisse, Gegnerschaften, Widerstände. Das Glück ist überhaupt nicht denkbar ohne den Schmerz. Den Jubel kann immer nur anstimmen, wer etwas geleistet hat, wer irgendeinen Dämon gebändigt, irgendeine Qual, einen Angriff des Schicksals heldenmütig abgeschlagen hat und sich nun stolz aus dem bedrohlichen Kampf erhebt. Der Schmerz ist dem Glück so notwendig, wie das feuchte Naß dem Gedeihen der Bäume und Blumen. Wenn nicht die Träne des Unglücks rinnt, wenn sich nicht der Schmerz einbohren kann in die Menschenbrust, wenn der Mensch nicht allem Unheil ausgesetzt ist, dann kann ihn auch niemals das Gefühl des Sieges, der stolzen Überlegenheit, der vollbrachten Tat überkommen. Und dieser Stolz ist das Glück, das große, volle Glück.“

Was aber ist bei diesem Thema nun die Verbindung zur Freimaurerei? Das Wort Glück im Zusammenhang mit unserem Bunde begegnet einem typischerweise nicht. Auch wenn es Sinn machen würde, denn immerhin bin ich sicher nicht der einzige Bruder, der mit seiner Aufnahme in den Bund unter anderem auch die Erwartung eines positiven Einflusses auf sein künftiges Lebens verknüpfte. Ein Heilsversprechen für persönliches Glück bietet die Freimaurerei allerdings nicht, so viel steht fest. Dennoch kann ich knapp ein Jahr nach meiner Aufnahme sagen, dass ich es als Glück empfinde, zur Freimaurerei gekommen zu sein.

In den Logen kommen Brüder aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammen. Wir haben unterschiedliche Berufe, Religionen und Weltanschauungen, und die meisten von uns wären sich ohne die Freimaurerei kaum jemals begegnet. Was uns alle eint ist, der Wunsch nach Selbsterkenntnis und das Bedürfnis, an den eigenen Unzulänglichkeiten zu arbeiten. „Indem das neue Mitglied in den Bund aufgenommen und zum Bruder gemacht wird, wird es zugleich als Maurer an die Arbeit gestellt und auf das Grundgebot humanistischer Erziehungskunst, auf das „Erkenne dich selbst!“ hingewiesen, aus dem das „Beherrsche dich selbst“ und das „Veredle dich selbst!“ als notwendige Konsequenzen sich ergeben“, wie August Horneffer schreibt. Der Selbsterkenntnis und Mäßigung des Einzelnen folgt dann Geduld – nicht nur mit sich selbst, wie weiter oben beschrieben, sondern auch und vor allem mit den Brüdern. Überwindung von Egoismus durch Gespräche, Anleitung und Vorbild ist fortdauernder Gegenstand freimaurerischer Arbeit. Keiner von uns ist vollkommen, und das wird auch nicht erwartet. Stattdessen ist es erforderlich, dass jeder dem anderen bei seiner Arbeit am rauen Stein brüderliche Liebe, Fürsorge und Hilfe zuteilwerden lässt, wann immer dies möglich und erforderlich ist. Diese Verbesserung des eigenen Charakters und die Erziehung des Menschen zu wahrer Humanität macht das Geheimnis der Freimaurerei aus – man kann es nicht beschreiben, sondern nur erleben. Mit Goethe gesprochen: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ Die Loge ist ein Ruhepol in der Hektik des Alltagslebens und zugleich Schule fürs Leben. Wahres Glück erfährt der Freimaurer somit nicht nur in der Loge, sondern auch und vor allem im profanen Leben. Und zwar dann, wenn es ihm gelingt, in der Bruderliebe allgemeine Liebe zu erkennen und die in der Loge gelebten Werte auch nach draußen zu tragen. Wer sich selbst im Alltag zu meistern weiß und zugleich in jedem Mensch einen Bruder erkennt, hat eine positivere Lebenseinstellung. Insofern ist die Freimaurerei zwar keinerlei Garantie für ein glückliches Leben. Sie kann aber dem Einzelnen bei seinem Streben nach Glück eine große Hilfe sein und ihn daran erinnern, nicht nur an das eigene Wohlgefühl denken, sondern auch an das von Familie, Freunden, Nachbarn und Kollegen.

Oft reichte es schon, wenn wir uns ein wenig Zeit nähmen, um ein offenes Ohr für einen Mitmenschen zu haben, seine Freuden und seine Probleme – auch wenn wir nicht helfen können. Denn was wir geben um andere glücklich zu machen, kommt auch zu uns zurück. Am Anfang hatte ich erwähnt, dass materieller Besitz bis zu einem gewissen Punkt glücklich macht. Doch dieser materielle Besitz ist vergänglich, genau wie das Glück, das mit ihm einhergeht. Am Ende, wenn es wirklich darauf ankommt, besitzen wir nur, was wir unseren Mitmenschen gegeben haben. In diese Sinne, liebe Brüder und Gäste, wünsche ich euch und Ihnen viel Glück im neuen Jahr!