Das Geheimnis des Menschen von R. F.

  1. Ziel des Vortrages.- Wer sich von diesem Vortrag erhofft, es werde hier das Geheimnis des Menschen enthüllt, so dass es dieses Geheimnis danach nicht mehr gäbe, weil es nun offen zu Tage liege, den werde ich enttäuschen müssen.
    Der Anspruch dieses Vortrags ist nicht, ein Geheimnis zu lüften, sondern vielmehr, es zu betonen, zu bekräftigen, seine Notwendigkeit hervorzuheben.
  2. Thesen.- Der Vortrag lässt sich in drei Behauptungen (Aussagen, Thesen) zusammenfassen:
    1. Das Geheimnis gehört zum Wesen des Menschen.
    2. Das Wesen des Menschen ist ein Geheimnis.
    3. Der Angriff auf das Geheimnis ist daher ein Angriff auf das Wesen des Menschen selbst.
  3. Geheimnis und religiöses Mysterium.- Das Wort „Geheimnis“ ist nicht so alt wie die Sache, die es bezeichnet. Das Wort hat Dr. Martin Luther ins Deutsche eingebracht, uns Deutschen geschenkt, als Übersetzung von „Mysterium“. „Geheim“ kommt von „zum Haus gehörig, vertraut“.
    „Geheimnis“ bezieht sich bei Luther vor allem auf das Glaubensgeheimnis (mysterium fidei). Wir verstehen darunter eine Glaubenswahrheit, die nur durch göttliche Offenbarung erkannt und in ihrem inneren Wesen nicht vom Verstand durchschaut werden kann, weil es sich dabei um eine Selbstmitteilung des unbegreiflichen Gottes handelt. Im christlichen Glauben ist dies beispielsweise die Selbsterniedrigung Gottes durch seine Menschwerdung, oder die Fleischwerdung Christi im Brot.
  • Ist das Mysterium eine Besonderheit von Luthers Theologie? Nein, das ist uneingeschränkt katholisch. Das ist katholische Wahrheit seit mindestens eintausendfünfhundert Jahren. Der heilige Augustinus sagt: „Si enim comprehendis, non est Deus: — Wenn Du es verstehst, dann ist es nicht Gott.[1].“ Gott ist unergründlich.
  • Ist das Mysterium nur ein Merkmal des Christentums? – Wieder nein: gleich in der zweiten Sure des Korans steht: „Dieses Buch (…) ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen, die an das Verborgene glauben.“ Die Arabistin Angelika Neuwirth von der Freien Universität Berlin sagt: „Das Geheime ist im Islam Teil des Glaubensbekenntnisses.“
  • Ist das Geheimnis nur ein Merkmal der „abrahamitischen“ Religionen? Wieder nein: im Tao-Te-King des Laotse lesen wir im ersten Satz: „Das Tao, wenn es ausgesprochen werden kann, ist nicht das wahre Tao.“ (Das Tao ist der rechte Weg, das richtige Leben.) Hier geht es schon nicht mehr um das Geheimnis eines als Person gedachten Gottes, sondern es steht der Weg desMenschen im Mittelpunkt, es geht um das Geheimnis des menschlichen Lebens.
  • Wir erkennen, dass wir den Begriff des Mysteriums oder Geheimnisses aus dem engen Bereich, für den Luther ihn genutzt hat, herausführen und erweitern können, bis er die Grenzen des Religiösen überschreitet und auf das Geheimnis im Menschen selbst verweist Wir sollten hier festhalten, dass das Wesen des Geheimnisses in seiner Unergründlichkeit besteht – das es sich nur mitteilt wo es dies selbst will. Damit wenden wir uns nunmehr von den göttlichen Werken ab und den Menschenwerken zu, weil uns dies dem Geheimnis des Menschen näher bringen wird.
  1. Geheimnis des Kunstwerks.-
  • Es gibt vielerlei menschliche Werke, und manche von ihnen sind nichts Geheimnisvolles und sollen es auch gar nicht sein: Naturforschung, Mathematik, Technik – das ist alles öffentliches Wissen und soll es sein, jedem zugänglich, der sich der Mühe unterzieht, es zu erlernen, für alle überprüfbar, kritisierbar, veränderbar.
  • Es gibt aber eine andere Ebene menschlicher Werke, in denen sich das Wesen des Menschen selbst deutlicher entäußert – das sind die Werke der Kunst; und diese sind von einem Geheimnis umgeben.
  • Zum Wesen des Kunstwerkes gehört seine Unausdeutbarkeit, dass also jede Deutung neue Fragen aufwirft, die ihrerseits der Deutung bedürfen. Die dogmatische Interpretation übersetzt ein Werk in gefällige und in sich stimmige Lehren. Dies und dies bedeutet das und das. Dies ist immer eine Reduktion, es ist immer falsch. Jede abschließende Deutung beendet das Werk. In den Werken Kafkas ist dies möglicherweise am deutlichsten bereits an der Oberfläche der Werke spürbar, weil das Werk sich gegen die Deutung sperrt.
  • Das Kunstwerk unterscheidet sich darin von anderen Äußerungen des menschlichen Verstandes (wie Brücken, Autos, Panzer) darin, dass sich in ihnen nicht nur ein einzelner praktischer Aspekt des Lebens darstellt, sondern dass in ihnen das Wesen des Menschen selbst zu einem äußeren Gegenstand wird, ihm als äußerer Gegenstand gegenübertritt. Das Geheimnis des Kunstwerkes, seine Unausdeutbarkeit, verweist somit zurück auf seine Quelle (von der es ausgeht), nämlich das Geheimnisvolle und Unausdeutbare im Wesen des Menschen selbst.
  1. Geheimnis des Menschen.-Ist ein Mensch ausdeutbar? Ist sein Inneres, ist seine Seele ein für allemal enthüllbar, entblößbar? Was ist ein Geheimnis? Es ist, was ich Dir erst zeige, wenn es an der Zeit ist. Was ich Dir erst sage, wenn ich dazu bereit bin, weil ich glaube, dass du es jetzt erfahren sollst, damit Du es mit mir teilst. Was ich Dir vielleicht flüstere, damit’s kein anderer hört. Was ich Dir vielleicht nie sage, weil du mir nicht nahe genug bist. Das ich vielleicht selbst nicht genau sagen kann, aber vielleicht kannst Du mir helfen, es besser zu verstehen, wenn ich es versuche.
  2. Wie notwendig das Geheimnis ist, macht ein Gedankenexperiment deutlich: denken wir uns eine Gesellschaft, in der (wie in vielen Utopien) jedes Geheimnis verbannt wäre; denken wir uns ein wissenschaftliches Universum, in welchem es kein Geheimnis mehr gäbe; denken wir uns eine Liebe, in der die Liebenden sich wechselseitig kein Geheimnis wären; denken wir uns die Künste, die nicht mehr über den Zauber und die Magie des Unerklärlichen verfügten; denken wir uns ein Leben in schattenloser Ausleuchtung; es wäre schlimmer als der fuchtbarste Alptraum. Es wäre der absolute Staat. Es wäre die Wüste der Langeweile. Es wäre eine Welt ohne Liebe, ohne Eros, ohne den Zauber des Fremden. Es wäre eine Welt des totalen Terrors. Es wäre ein totales Wissen, aber als auswegloses Gefängnis. Es wäre Folter wie schattenloses Licht Folter ist. Wir benötigen zum Leben das Dunkel und die Nacht so elementar wie das Geheimnis das Leben erst lebenswert macht.
  3. Angriffe auf das Geheimnis des Menschen.
  • Wir müssen hier eine Unterscheidung treffen. Wir trennen nunmehr
    • das Geheimnis, das ein Mensch ist, weil er ein Mensch ist, weil seine Seele vom Verstand nicht endgültig erfassbar ist (aber im Kunstwerk im in einer äußeren Gestalt gegenübertreten kann);
    • die Geheimnisse, die ein Mensch hat, weil seine Würde es erfordert, dass nicht entblößt wird, was er für sich behalten will.
    • Diese Angriffe auf das Geheimnis sind daher zweierlei Art:
      • Angriffe auf die Seele des Menschen selbst, die reduziert wird auf etwas Technisches, zahlenmäßig Erfassbares, Biologisches – dieses ist der fundamentalere Angriff, er erfolgt durch denMaterialismus in der Gestalt missbrauchter Naturwissenschaft;
      • Angriffe auf die Geheimnisse, die jemand hat, also auf das, was gemeinhin „Privatsphäre“ genannt wird. Diese können von neugierigen Nachbarn ausgehen, von Kriminellen, aber auch von staatlichen Stellen, Sicherheitsdiensten, die zum „Schutz der Bürger“ ohne jeden Verdacht seinen gesellschaftlichen Verkehr abhören.

Ein sehr fundamentaler Angriff kommt von Wissenschaftlern, die den Bereich des ihnen Zugänglichen überschreiten.

  1. Hirnforschung – Geist als Gehirnfunktion.
  • Es soll hier nicht darum gehen, dass sich Mediziner und Biologen mit dem menschlichen Gehirn befassen. Das ist gerade so wichtig, wie sich mit der menschlichen Niere zu befassen. Den Hirnforschern ist aber (nach meiner Auffassung) entschieden entgegenzutreten, wenn sie philosophisch werden und aus ihren naturwissenschaftlichen Untersuchungen elektrischer Impulse, Nervenaktivitäten im Kopf etc. auf die Natur des menschlichen Geistes und des Geistes überhaupt Schlüsse ziehen.
  • Ein Beispiel: dem Bremer Hirnforscher G. Roth erscheint die Welt, die wir sehen, lediglich als Simulation oder als Konstruktion unseres Gehirns. Wir erkennen also, wenn wir über die Welt nachdenken, gar nicht die Welt, sondern nur das Bild, das uns unser Gehirn von ihr liefert. Wie die Welt „wirklich“ aussieht, ist uns völlig verschlossen, weil alles was wir sehen, eine Konstruktion der Wirklichkeit durch das Gehirn ist. (Roths wichtigstes Buch darüber heißt denn auch „Das Gehirn und seine Wirklichkeit“.)
  • Hierin ist ein Widerspruch gelegen: wenn alles, was wir wahrnehmen und untersuchen, lediglich eine Konstruktion unseres Gehirns ist, dann ist auch das untersuchte Gehirn selbstals Wahrnehmungsgegenstand nur eine Konstruktion des Gehirns. Roth und seine Kollegen untersuchen also nicht das Gehirn, wie es real ist, sondern das Gehirn, wie es dem Hirnforscher als Simulation seines Gehirns erscheint, ein aus der Logik bekannter Zirkelschluss. Roth gibt diesen Widerspruch sogar zu und unterscheidet tatsächlich zwei Gehirne – das reale (das er nicht erkennen kann) und das simulierte. Er behauptet dann aber, dass diese sich nicht groß unterscheiden – aber woher will er das wissen?
  • Ängste, Hoffnungen, Träume, Wünsche, Bestrebungen, Kunstäußerungen, Trauer, Musikalität, Phantasie – alles elektrische Signale, zurückführbar auf die Gesetze von Physik und Chemie. Der Mensch ist Physik und Chemie, sonst nichts („was denn sonst? Es gibt doch nichts außer der Natur – oooder?“). Man kann hier auch sagen: es gibt kein Geheimnis, denn alles ist im Labor erforschbar. Das Geheimnis des Menschen erscheint jetzt nicht mehr in der Zauberflöte, in Munchs Schrei, in Kafkas Schloss, sondern in elektrischen Signalen auf Oszilloskopen und Digitalcomputern. Endlich enthüllt: das Geheimnis des Menschen.
  • Alles ist im Labor erforschbar? Wirklich? Nehmen wir einmal ein Buch – die Bibel. Was können wir im Labor über die Bibel erfahren? Wir könnten ihr Gewicht herausfinden, ihre Bemaßung, die Dicke der Blätter, das Material der Blätter, die chemische Zusammensetzung der Druckerschwärze, die Häufigkeit der Buchstaben, die Länge der Sätze, wahrscheinlich auch das Alter dieses Exemplars. Dies mag dann nützlich sein, wenn man -beispielsweise- eine bestimmte Bibelausgabe als Fälschung, gar nicht aus dem 15. Jahrhundert stammend, nachweisen will.- Aber wir würden nichts, gar nichts erfahren über den Gehalt des Werkes, der seit Jahrtausenden Menschen leitet. Der Geist dieses Buches, der so unergründlich ist, der immer neu gedeutet werden kann und muss, ist im Labor nicht vorhanden.
  • Das gesamte innere Erleben eines Menschen, die subjektive Qualität seines Erlebens, ist durch die Laborleute gar nicht fassbar. Damit ist aber gerade nicht fassbar, was die Menschen von den Tieren trennt. Sie werden nur als weitere biologische Gattung neben dem Nasenaffen aufgefasst. Diese Reduktion des Menschen auf seine biologische Natur ist ein Angriff auf das Wesen des Menschen selbst.
  1. Ein zweiter Angriff auf das Geheimnis des Menschen ist in den vergangenen Monaten sehr intensiv diskutiert worden, so dass er hier nicht ausführlich besprechen werden soll.
  • Wir haben offenbar Anlass zu dem Verdacht, dass auch in demokratischen Staaten ein im Geheimen wirkender Machtapparat systematisch über alle Menschen alles herauszufinden versucht – wer wem schreibt und wie oft, wohin einer mit dem Auto fährt und wie oft, was er einkauft, welche Banküberweisungen er macht, welche Freunde er hat, welche Freunde diese Freunde haben – eine vollständige Entblößung. Wenn sich eine Gefahr in einem Symbol verdichten lässt, dann ist es für diese Gefahr der Nacktscanner.
  • Bahnfahrt: Reise in die Vergangenheit unserer Zivilisation – man steigt ein und fährt los. Und keiner weiß es. Flugreise: Modell der Zukunft – erfasst und kontrolliert.
  • Der sogenannte private Bereich des Menschen umfasst nicht nur seine eigene Innerlichkeit und deren Ausdrucksmöglichkeiten. Auch seine intimeren menschlichen Beziehungen gehören dazu: vor allem sein Heim und sein Familienleben, seine Freundschaften und sein geselliger Verkehr. Nur sehr schwerwiegende Gründe der Gefährdung des Gemeinwesens oder der Rechte anderer Bürger können den Staat hier zu Eingriffen ermächtigen. Es muss verlangt werden, dass sich diese Eingriffe auf tatsächliche Handlungen und Tätigkeiten oder zum mindesten auf den dringenden Verdacht unmittelbar drohender Handlungen berufen können.

Nicht nur faktische Eingriffe, sondern auch schon die Überwachung (Bespitzelung) des Privatlebens und der persönlichen Beziehungen der Menschen stellen eine solche Verletzung des intimen menschlichen Bereiches dar.

  • Damit können wir den Inhalt dieses Vortrages in einem Satz zusammenfassen:
    Das Geheimnis des Menschen ruht im Innersten seines Wesens.
  • [1] (Serm. 117, 5: PL 38, 673, nach http://www.augustinus.it/latino/discorsi/discorso_152_testo.htm).

Version: 09_11_2014

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