Die Melancholie in der Bildenden Kunst von Bruder S. Br.

Das Wesen der Melancholie in unserer heutigen Gesellschaft hat immer etwas schwermütiges. Für mich ist der Eindruck der Melancholie fernab von einer positiven oder negativen Endgültigkeit. Besonders in der Welt der Kunst. Ein Künstler mag schwermütige, melancholische Empfindungen gehabt haben, aus denen er die Kraft und Inspiration schöpfte Bilder zu malen die wiederum wunderschön sind und positive Emotionen hervorrufen können. Ich denke da an „Der Wanderer durch den Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich oder an den dänischen Symbolismus Künstler Kay Nielsen mit seiner Illustration zu „East of the sun and west of the moon“. Jede Empfindung des Menschen kann ihre Ästhetik und ihren Reiz inne haben.

Die Melancholie in der Kunst ist ein Thema, dass schon sehr alt ist. Viele Künstler der unterschiedlichsten Epochen haben sich damit beschäftigt und das Verständnis worüber dieses Gefühl definiert wird, mit der Zeit immer mehr entwickelt. Neben dem negativen Verständnis von Melancholie als Ausdruck von psychischen oder sogar physischem Leiden war sie seit der Antike eine Triebfeder der Kunst. Wir beschäftigen uns mit dem Gefühl der Melancholie in den Bereichen Philosophie, Medizin, Psychologie und Theologie. Da verwundert es nicht das die Melancholie auch innerhalb eines künstlerischen Rahmens philosophisch, theologisch oder wissenschaftlich betrachtet wurde. Aber auch darüber hinaus mit mystischen oder phantasievollen Sinngebungen gestaltet wurde.

Der Ursprung des heutigen Melancholie Verständnisses liegt in der Antike. Auch wenn die antiken Ärzte damals die Melancholie als Krankheit ansahen, bei der man angeblich zuviel schwarze Galle im Blut hätte. Man stelle sich vor Künstler würden heute aus Krankheiten eine Strömung in der Kunst erschaffen. Der berühmteste Arzt dieser Zeit, Hippokrates von Kos, hatte angenommen das die schwarze Galle ein Körpersaft wäre, der die Menschen zwingt die Welt durch eine dunkle Brille zu betrachten.

„Schwarze Galle hin oder her“, meinen dazu die antiken Philosophen. Sie gingen davon aus das das menschliche Leben doch eigentlich eine traurige Angelegenheit ist. Denn all unsere irdischen Bemühungen sind letztendlich doch vergänglich und vergeblich. Wir Menschen würden nicht von der flüchtigen Erfüllung leben, sondern von der immer währenden Sehnsucht zehren. Das Einzige, was jedem Menschen in diesem Leben sicher ist, dass wäre der Tod. Aristoteles hat deshalb die Frage gestellt: Muss nicht jeder denkende Mensch deshalb automatisch ein Melancholiker sein?

Über diesen Syllogismus, also über diese vermeintlich logische Schlussfolgerung im Sinne eines Aristoteles, hat sich der römische Anwalt und Philosoph Cicero geärgert. „Ein Glück, dass ich nicht tiefsinnig bin!“, meinte er dazu. Denn schließlich ist das Ziel des Denkens ja nicht das Gefühl der Melancholie, sondern es hat auch Vorteile die Glückseligkeit anzustreben, auch wenn sie subjektiv und flüchtig ist. So unterschiedlich die Individuen

sein können, so unterschiedlich kann auch die künstlerische Aufarbeitung dieser Empfindung sein. Was wiederum spätere Abbildungen beeinflussen kann.

Die Darstellung von melancholischen Gefühlen versucht oftmals die innere Schwermut in eine Außenwelt zu transportieren. Dies kann die Verortung  einer melancholischen Empfindung in einer Landschaft sein, in einem eingrenzenden Zimmer oder in einen symbolischen Raum. Am Anfang des 16. Jahrhunderts prägt Albrecht Dürer mit seinem rätselhaften Holzschnitt „Melencolia I“ das allegorische Inventar der Melancholie-Darstellung für viele folgenden Epochen. In so genannten Vanitas-Darstellungen wird eine Leblosigkeit der Objekte als Fehlen menschlicher Gemeinschaft betont. Wie auch später in der Romantik werden den leblosen Gegenständen ein Sinn, eine Symbolik zugeordnet. Einer der bekanntesten Objekte aus dieser Art der Darstellung ist der Totenschädel.

Dürers Melencolia I, von 1514 gilt als das rätselhafteste Werk des Künstlers und gehört zu den drei Meisterstichen Dürers. Die anderen sind: „Ritter, Tod und Teufel“ und „Der heilige Hieronymus im Gehäus“. So war Dürers Bild Ausgangsbild und Samen für eine Reihe von Interpretationen zu diesem Thema in der bildenden Kunst und darüber hinaus.

Dabei ist das Bild immer wieder auch mit den freimaurerischen Symboliken in Beziehung gebracht worden. Es ist die Vermutung ausgesprochen worden, dass Dürer während seines Aufenthaltes in Italien mit den Gedanken der dort bestehenden Symbolischen Bünde oder der sogenannten „Weisheitsbünde“ vertraut wurde. Die auf Dürers Bild gehäuften Symboldarstellungen, wie etwa die Steinmetzgeräte, die Leiter, die Uhr oder das Magische Quadrat erinnern zumindestens sehr an Freimaurer Symboliken. In der Renaissance gab es mehrere Kunstwerke die man schon mit Freimaurer Symboliken in Verbindung bringt, wie zum Beispiel „Die drei Philosophen“ von Giorgio da Castelfranco, aus dem Jahre 1505. So kamen heute in der Freimaurerei bekannte Symboliken in sinnbildlichen, durch höhere Kunst verklärte Darstellungen vor, die das innere Leben jener Geistesgemeinschaften vor der Freimaurerei, die den Weg zur Humantis suchten, also zum wahren Leben und der idealen Welt, wie sie nicht ist, aber sein sollte.

Dürers Bild zur Melancholie inspirierte viele andere Künstler. Zum Beispiel wurde der Dichter Gottfried Keller durch Dürers Blatt zu dem Gedicht „Melancholie“ angeregt. In dessen letzter Strophe deutet der Dichter die Engelsgestalt im Sinne der Romantik als Verkörperung der künstlerischen Phantasie an sich.

Ein weiterer Meilenstein in der Melancholie Darstellung der bildenden Kunst ließ nicht lange auf sich warten. Schon 18 Jahre nach dem Dürer Bild, schuf der deutsche Hofmaler Lucas Cranach der Ältere „Melancholie“ im Jahre 1532. Wieder entstand ein rätselhaftes Bild, das teilweise als Kommentar zu Dürers Holzschnitt interpretiert wird. Auch wenn die Darstellungen durch Symboliken, eher den Surrealismus vorweg nahmen, behandelten sie doch im Kern ein Thema das damals wie heute jeder Mensch egal welchen Alters oder welchen gesellschaftlichen Standes kennt. So geht das Thema Melancholie immer vom Menschen aus. Und nicht selten von den schwächsten und ärmsten Menschen.

Domenico Fetti war ein Künstler des Barocks und benutzte dennoch Melancholie Elemente aus der Renaissance. Er colorierte seine Bilder in kräftigen Farben, setzte ihnen aber immer noch einen starken Schatten hinzu. Er schuf um ca. 1618 bis 1623 das Werk „Die Melancholie“. Wo nicht mehr ein Weltfremdes Wesen wie ein Engel, sondern ein Mensch in einer Alltagssituation schwermütig mit sich selbst beschäftigt war. Man könnte mutmaßen das die Darstellung der Melancholie für einige Künstler eine therapeutische Wirkung hatte.

Nach dem Lebensgefühl des Barocks, der ein Ausdruck von Geistesgeschichte war,  behandelte die Romantik das Melancholie- Gefühl erneut. Auch wenn sich die Romantik von klassischen und antiken Vorbildern unterscheiden wollte, behielt sie die Melancholie in ihrer stärkeren Hinwendung zu Sagen – und Mythenwelten. Die Romantik machte aus der Schwermut eine regelrechte Sehnsucht. Hier fanden sich viele weite Räume und Landschaften, oft auch eine merkwürdig ziellose oder verschobene Perspektive oder in sich gekehrte Personen. Hier kann man vor allem Johann Heinrich Wilhelm Tischbein und Caspar David Friedrich nennen. Tischbein hat mit „Der lange Schatten“ von 1805 die inneren Zerwürfnisse einer Person versucht bildhaft nach außen hin darzustellen. Aber auch mit seinem berühmtesten Werk „Goethe in der Campagna“ zeigt er den Denker Goethe auf Ruinen über das Schicksal der Welt sinnieren. Tischbein hat Goethe auf seiner Italienreise begleitet und viele Skizzen von ihm gemacht. Bei Caspar David Friedrich kann man eine Fülle von melancholisch anmutenden Elementen finden. Er hat sich diesem Thema mit vielen Werken genähert. Als Beispiele kann man da nennen „Der Mönch am Meer“ von 1809 / 1810, „Gedächtnisbild für Johann Emanuel Bremer“ von 1817, „Mondaufgang am Meer“ von 1819 oder „Einsamer Baum“ von 1822. Friedrich erzeugte eine melancholische Stimmung durch Naturelemente wie die Lichter des Sonnenunterganges, den mystischen Nebenschwaden oder symbolhaften Felsen. Auch erzeugte er mit seinen berühmten Rückenfiguren einen gewissen Blick nach innen, anstatt die Äußerlichkeit seiner Protagonisten in den Vordergrund zu stellen.

Zu einer Zeit als die Romantik, die große Kunstepoche der Melancholie, zu Ende war die Gründerzeit ihren Ausklang fand und der Symbolismus, der so genannte Jugendstil seinen Anfang nahm entstanden ebenfalls melancholische Phantasien. Dabei kann man den Schweizer Künstler Arnold Böcklin erwähnen mit seinem Bild „Die Toteninsel“. Er malte gleich fünf Varianten dieses Bildes in den Jahren 1880 bis 1886. Oftmals ist es unbekannt in wie weit ein Künstler die Interpretation des Melancholie Gefühles für seine Arbeit nutzt, ebenso wie man als Künstler andere Gefühle für die Inspiration nutzen kann wie zBsp. Liebe, oder Hass. Oder in wie weit ein Künstler selbst von einer tiefen Melancholie beherrscht worden war. Letzteres trifft wohl eher auf  Vincent van Gogh zu. Mit seinem „Porträt des Dr. Gachet“ von 1890 erschuf er ein vorwiegend in dunklen Blautönen gehaltenes, sehr melancholisch wirkendes Porträt seines Arztes Dr. Paul-Ferdinand Gachet. Van Gogh malte dieses Werk nur wenige Wochen vor seinem eigenen Suizid. Auch dieses Werk wurde in mehreren Versionen gemalt. Van Gogh sah in Gachet seinen äußerlichen und innerlichen Doppelgänger. Er empfand ihn als mindestens genauso krank an wie er sich selbst sah. Das Porträt ist damit auch ein Selbstporträt der melancholischen Gefühle von van Gogh. In einem Brief an Paul Gauguin nannte van Gogh den Gesichtsausdruck in dem Bild „der betroffene Gesichtsausdruck unserer Zeit“.

Die Melancholie wird auch „die Muse der Traurigkeit“ genannt. Sie ist eine Kraft die sich stark auf Künstler auswirkte und die sie in Produktivität umwandelten, als sie mit diesem Feuer ihre Kreativität entfachen wollten. Von einer Muse der Traurigkeit einen Musenkuss zu erhalten ist allein schon eine melancholische Vorstellung.

Auch Künstler der Moderne konnten sich den Reiz des Themas Melancholie nicht entziehen. Pablo Picasso malte inmitten seiner blauen Periode das Werk „Melancholie“. Picasso reduzierte ganz anders als die Romantik, diese Menschliche Emotion auf den Menschen. Vor einem Fenster sitzt – in seitlicher Ansicht – eine dunkelhaarige junge Frau in blauer Kleidung mit verschränkten Armen auf einer Bank. Ihre zusammengepressten Lippen und ihre komplette Haltung drücken Melancholie aus. Der kühle, blaugrundige Raum verstärken den Eindruck. Angeblich handelt es sich bei dem Modell um eine arme Frau, die Picasso 1902 auf einer der Pariser Straßen begegnet war. Der Künstler war von ihrer Aura berührt und hat ihr das Posieren im Atelier angeboten. Die Identität dieser Frau ist unbekannt.

Ein Zeitgenosse und Bekannter von Picasso war Giogio de Chirico. Er war ein italienischer Maler und Grafiker und wird heute als Wegbereiter des Surrealismus angesehen. Chirico befasste sich mit dem Melancholie-Thema mindestens in fünf Werken: „Einsamkeit (Melanconia)“ von 1912, „Die Melancholie eines schönen Tages“ von 1913 und „Melancholie eines Politikers“ ebenfalls von 1913. Kurz vor und kurz nach dem 1. Weltkrieg beschäftigte ihn das Thema mit „Gare Montparnasse (Melancholie der Abreise) von 1914 und im Jahre 1918 / 1919 mit „Hermetische Melancholie“.

Trotz einer Kunst- Entwicklung die sich immer mehr von der gemalten Leinwand  entfernt und zu reiner Abstraktion oder Aktionskunst wird, gab es in den letzten 100 Jahren noch Künstler die sich dem Thema „Melancholie“ mittels der bildenden Kunst gewidmet haben. Der New Yorker Edward Hopper beschäftigte sich mit dem Blick des amerikanischen Realismus mit der Melancholie. Seine Figuren scheinen in der Großstadt isoliert, eine ganz andere Einsamkeit als die Isolation in der Natur der Romantiker und sie sehen aus als wenn sie einen melancholischen Blick nach innen haben. Diese Elemente kommen in mehreren Bildern von Hopper vor. Als Beispiel wäre da „Eine Frau in der Sonne“ von 1961 zu nennen.

Als letztes möchte ich einen Künstler aus der jüngeren Kunstgeschichte aufzeigen. Es ist der von mir persönlich sehr geschätzte Horst Janssen. Er hat sein Gesicht  in zahllosen Selbstbildnissen in den unterschiedlichsten Emotionen dargestellt. Auch nicht selten in melancholischer Stimmung. Manchmal sogar in Verbindung mit dem alten Symbol des Totenschädels. Dann hat er indirekt die Melancholie in der Amaryllis Blume aufgezeigt, indem er ihr aufblühen und ihr vergehen zeichnerisch dokumentiert hat.

Nach den Beispielen großer Meister der verschiedenen Kunstepochen, erlaubt mir noch kurz meine eigene bescheidene künstlerische Auseinandersetzung mit den Thema „Melancholie“ zu zeigen. Ich habe mich nicht nur mit diesen Vortrag, sondern auch zeichnerisch mit dem Thema beschäftigt. Dabei habe ich versucht die Melancholie durch eine psychodelische und mystische Welt in etwas geheimnisvollem, aber tendenziell positiven zu interpretieren. Dieses Bild kann man dem neuen Surrealismus zuordnen, der in seiner klassischen Form ja auch fast schon 100 Jahre alt ist. Ich habe das Bild aber mit modernen Filzstiften, die extra für Illustrationen und Modezeichnungen hergestellt werden ausgeführt.

Ein wichtiges Sinnbild der Freimaurerei ist ja die Arbeit am rauhen Stein. Die für die Arbeit an der eigenen unvollkommenden Persönlichkeit steht. Dieses Symbol hat für mich Ähnlichkeiten mit dem erschaffen eines Kunstwerkes. Auch dabei beschäftigt sich der Künstler mit sich selbst und seiner Umwelt. Die Arbeit an sich selbst, sowie die Arbeit an einem Kunstwerk kann mal Auseinandersetzung und auch mal ein Kampf sein. Es ist jedoch eine wunderbare Erfahrung wenn man dabei etwas negatives wie die schwermütige Melancholie in etwas positives wie ein Kunstwerk umwandeln konnte, allein das man sich mit ihr kreativ auseinandergesetzt hat. Und die großen Meister aller Kunstrichtungen haben dies mit dem Thema Melancholie bewiesen.

Quellennachweis:

http://de.wikipedia.org/wiki/Melancholie

http://freimaurer-wiki.de/index.php/Melancholia

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