Wahrheit von Bruder A. P.

Gott und der Teufel gehen zusammen spazieren. Gott findet ein kleines Stückchen Papier auf der Straße. Er hebt es auf. „Was steht denn drauf?“, fragt der Teufel.

„WAHRHEIT“, sagt Gott feierlich.

„Gib‘s mir“, sagt der Teufel eifrig, „ich organisier das für dich.“

Der indisch-amerikanische Physiker Amit Goswami erzählte diese Geschichte, um zu verdeutlichen, dass die Verkündung absoluter Wahrheiten viel Leid über die Welt bringen kann und Menschen manchmal dazu anstachelt, grausame Dinge zu tun. Das göttliche Element der Wahrheit liegt darin, dass sie dem Suchenden ein nie versiegender Quell der Inspiration und ein Ansporn zu gesellschaftlichem und technischem Fortschritt sein kann. Doch das teuflische Element der Wahrheit ist, dass sie zwei so unterschiedliche Gesichter hat: Diese beiden Gesichter, liebe Brüder und verehrte Gäste, möchte ich heute mit euch und Ihnen betrachten.

Wahrheit ist nicht immer ganz einfach zu definieren. Auf viele Fragen des täglichen Lebens gibt es mehrere Antworten, die allesamt richtig sein können. Auf die Frage „Wie viele Meter hat ein Kilometer?“ gibt es nur eine einzige richtige Antwort, nämlich 1000. Aber welche beiden Nummern ergeben addiert 1000? Viele verschiedene Antworten wären hier korrekt, denn es gibt mehr als nur eine Möglichkeit. Gerade in der Mathematik begegnen wir oft Konzeptionen ohne absolute Wahrheit – auch wenn gerne behauptet wird, die Mathematik sei die Wissenschaft der absoluten Wahrheiten. Nehmen wir zum Beispiel die simple Rechnung, dass 5+5=10 ergibt. Dies gilt nur im Dezimalsystem – in anderen Fällen, wie z.B. dem Hexadezimalsystem, gelten andere Regeln, sodass dies nicht zutrifft.

Der große Brockhaus definiert Wahrheit folgendermaßen: „Wahrheit ist die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstand. Da dieser [Gegenstand] stets ein bestimmter ist, kann die Übereinstimmung nur durch Vergleichung mit ihm, nicht aber nach allgemeinen Regeln erkannt werden. Daraus folgt, daß es kein allgemeines Kriterium der Wahrheit geben kann, das für alle Erkenntnisse ohne Unterschied ihrer Gegenstände gültig wäre. – Von der inhaltlichen Wahrheit (materiale Wahrheit) zu unterscheiden ist die logische Wahrheit (formale Wahrheit), die in der Übereinstimmung der Erkenntnis mit den allgemeinen Regeln des Denkens besteht und mithin die logische Richtigkeit der Aussage betrifft; für sie ist mit den Gesetzen der formalen Logik ein allgemeines Kriterium gegeben, das aber nur die Form, nicht jedoch den Inhalt der Erkenntnis umfasst. So kann z. B. ein Schlusssatz (Conclusio) logisch falsch, inhaltlich aber wahr sein und umgekehrt.“

Ein Beispiel: Ein Zeuge, der vor Gericht darauf eingeschworen wird, nichts als die Wahrheit zu sagen, bekundet damit nur seine Absicht, das zu bezeugen, was er selbst weiß und glaubt. Er verspricht also lediglich, nicht absichtlich von seiner Version abzuweichen. Somit kann er auch logisch falsche Aussagen treffen, ohne bestraft zu werden, wenn die Schlussfolgerungen aus seiner Sicht inhaltlich wahr sind.

Wenn besagter Zeuge zum Beispiel keine Ahnung von Astronomie hat, kann er dennoch wahrheitsgemäß aussagen, dass sich die Sonne tagsüber von Osten nach Westen bewegt und daraus schlussfolgern, dass die Erde eine Scheibe ist und die Sonne darüber hinweg zieht. Seine Aussage ist die Wahrheit, so wie er sie kennt, weil ihm das Wissen um die Anziehungskraft und weitere physikalische Prinzipien fehlen. Dass sich de facto die Erde um die Sonne bewegt und nicht umgekehrt, macht ihn nicht zum Lügner, auch wenn seine Aussage logisch falsch ist.

Grundsätzlich gilt: Jede Wahrheit ist relativ, weil sich Dinge verändern und niemand festlegen kann, was endgültig und für immer wahr ist. Außerdem ist Wahrheit immer, selbst in der Mathematik, an ein bestimmtes Bezugssystem gebunden. Geleitet durch diese Bezugssysteme nähern sich relative Wahrheiten der absoluten Wahrheit an, ohne sie jedoch jemals vollständig zu erreichen. Ein prominentes Beispiel ist das Verhältnis der Erde zur Sonne: Zu Aristoteles Zeiten, etwa 350 vor Christus, glaubten Wissenschaftler, dass sich die Erde in einer perfekt kreisförmigen Bahn um die Sonne dreht. Kepler hat diese Wahrheit mit mathematischen Methoden verfeinert und festgestellt, dass sich die Erde auf einer elliptischen Bahn um die Sonne dreht. Die moderne Physik hat dies noch weiter präzisiert – nach aktuellem Stand dreht sich die Erde auf einer elliptischen Bahn um das sogenannte Baryzentrum der Sonne. (Das Baryzentrum ist der Massenmittelpunkt eines Systems von Himmelskörpern.)

Der Grad der relativen Wahrheit wird also bestimmt durch die Übereinstimmung mit der beobachteten Wirklichkeit. Und ob etwas relativ wahr ist, kann man, wie das Beispiel von Erde und Sonne zeigt, nur empirisch oder theoretisch bestimmen. Ob und inwieweit dieser Grad der relativen Wahrheit mit der absoluten Wahrheit übereinstimmt, wissen wir nicht.

Wenn ein Schreiner einen Tisch bauen möchte, muss er zunächst in seinem Kopf die Idee dafür entwickeln, die er dann mit Bleistift und Papier aufzeichnet. Er reduziert seine Idee auf diese Zeichnung und macht sie damit anderen zugänglich. Aber noch ist die Idee kein Tisch. Wenn der Schreiner den Tisch aus Holz zusammenbaut, die Teile aus Rohmaterial herausarbeitet und sie seinem Plan folgend zusammenfügt, wird seine Idee konkret. Der Tisch verkörpert schließlich drei Dinge: Die Idee, ihre Manifestierung und ihre Verkörperung. Ein Beobachter wird feststellen, dass die Idee jetzt Form und Substanz besitzt – sie ist aus Holz, lackiert, wirft einen Schatten und man kann Sachen darauf ablegen. Es ist ein Tisch. Aber ist das die Wahrheit? Für unsere beschränkte Erkenntnis der Dinge ist das Gebilde auf jeden Fall ein Tisch. Niemand würde es ernsthaft bestreiten. Aber die absolute Wahrheit dieses Tisches sieht vermutlich ganz anders aus – wir können sie nur nicht sehen. Obwohl der Tisch solide und schwer wirkt, besteht er doch mehr aus Raum als aus Materie. Wir wissen, dass die Atome, aus denen der Tisch zusammengesetzt ist, aus Elektronen bestehen, die mit unvorstellbarer Geschwindigkeit um ein zentrales Proton rotieren. Und wenn wir den Tisch so sehen könnten, wie er wirklich ist, nicht so, wie er für das menschliche Auge erscheint, dann sähen wir eine Ansammlung schwingenden und rotierenden Elektrizitätspartikeln. Ihre Kraft könnte, falls sie entfesselt würde, eine ganze Stadt verwüsten. Doch damit bewegen wir uns schon in Bereichen, die jenseits der menschlichen Vorstellungskraft liegen. Nicht einmal die brillantesten Wissenschaftler können sich konkret vorstellen, was ein Elektron „wirklich“ ist – die absolute Wahrheit davon übersteigt die derzeit vorhandenen menschlichen Laborkapazitäten.

Unsere Wahrnehmung der Welt und des Lebens ist begrenzt durch unsere Sinne. Wir sehen, hören, riechen, schmecken und tasten – und dann denken wir darüber nach, ziehen Rückschlüsse und glauben gewisse Dinge. Aber viele Aspekte physischer, aber auch göttlicher  Phänomene spielen sich jenseits unserer fünf Sinne ab – zum Beispiel die Geschwindigkeit der Elektronen, die Größe eines Atoms oder die Existenz einer Gottheit. Also müssen wir glauben. Nicht jeder von uns hat die Zeit oder die Fähigkeiten, um die Konstellation des Sonnensystems oder die Erdrotation nachzurechnen. Deshalb glauben wir daran, dass die Annahmen der Wissenschaftler sich der Wahrheit in ausreichendem Maße nähern. Genauso verhält es sich mit Religion: Ab einem gewissen Punkt sind wir dazu angehalten, gewisse Wahrheiten einfach zu glauben, weil sie nicht empirisch beweisbar sind oder unsere Vorstellungskraft sprengen. Somit hängt Wahrheit auch von unserer Bereitschaft ab, sie zu akzeptieren – und von unserem Vertrauen in Leute, die uns darüber unterrichten.

Absolut formulierte Wahrheiten geben uns Stabilität und Halt im Leben. Sie können Konflikte vermeiden oder schlichten und bilden bis heute das Fundament ganzer Staaten oder sogar Kulturen. Man denke nur an religiöse Glaubensgrundsätze wie die 10 Gebote, oder politische Durchbrüche wie die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes und die allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Wenn solche Wahrheiten von einer Gesellschaft als absolut erachtet werden, können sie für inneren Zusammenhalt sorgen und im Umgang der Menschen untereinander viel Positives bewirken.

Gleichzeitig aber – und hier sind wir wieder bei den zwei Gesichtern – liegt in absoluten Wahrheiten aus Religion und Politik ein enormes Potential für Manipulationen. Menschen neigen dazu, ihre Weltsicht zu vereinfachen. Sie möchten Dinge verstehen, auch wenn sie schwer greifbar erscheinen. Differenzierung ist mühsam, die Beseitigung von Unwissenheit bedeutet Arbeit und die Suche nach der absoluten Wahrheit kann, wie oben beschrieben wurde, lange dauern und zu einer lebenslangen Aufgabe und Herausforderung werden. Folglich war der Mensch schon immer in Versuchung, und ist es bis heute, vermeintlich absoluten Wahrheiten blind zu folgen. Demagogen machen sich dies seit Jahrtausenden zunutze. Unzählige Kriege wurden bereits geführt, weil jede Seite sich im Besitz absoluter Gewissheiten politischer oder religiöser Art wähnte, die es anderen aufzuzwingen galt. Für ihre Besitzer sind diese Wahrheiten meist so klar ersichtlich und indiskutabel, dass sie im Extremfall als Rechtfertigung für jede Art von Verbot, Unterdrückung oder sogar Vernichtung von Gegnern herangezogen werden. Gerade wir in Europa brauchen gar nicht weit zurückzublicken, um Beispiele dafür zu finden: Nationalsozialismus und Kommunismus waren die beiden Ideologien, deren absolut formulierte Grundsätze die mit Abstand meisten Todesopfer gekostet haben. Aber auch durch die Religionsgeschichte zieht sich eine beklagenswerte Blutspur, die stets mit absoluten Wahrheiten begründet wurde. Ob Protestanten und Katholiken, die in ihren Religionskriegen halb Europa verwüstet haben oder Islamisten, die im 21. Jahrhundert unter Berufung auf die einzige Wahrheit wahllos Menschen abschlachten – das Prinzip war und ist immer dasselbe: Am Ende leben solche politischen oder religiösen Systeme davon, kritische Diskussionen zu unterbinden, die Suche nach absoluter Wahrheit für beendet zu erklären und die Welt in ein simples „Wir gegen die anderen“ aufzuteilen.

Es gibt nicht viele Menschen, die die Idee der absoluten Wahrheit tatsächlich verstehen – und verstehen wollen. Wer solch abstrakte Gedanken formulieren und nachvollziehen will, muss sehr viel geistige Anstrengung investieren. Denn natürlich ist es angenehmer, sich die Welt von anderen erklären zu lassen und sich auf vermeintlich ewigen Gewissheiten auszuruhen. Auch der Gedanke, dass hinter den Phänomenen des Lebens fundamentale, unveränderliche und unentrinnbare Wahrheiten stehen, ist nicht einfach. Aber diese Schwierigkeit macht die Idee umso interessanter als freimaurerisches Konzept.

Die Freimaurerei möchte nicht die Existenz einer Gottheit beweisen. Freimaurer akzeptieren den Großen Baumeister aller Welten als Wahrheit. Aber wie wir gesehen haben, gibt es verschiedene Formen der Wahrheit. Die absolute Wahrheit einer Gottheit kann von uns Menschen auf der Erde genauso wenig bewiesen werden wie die absolute Wahrheit des Tisches von denen erfasst werden kann, die ihn nutzen. Denn ein endlicher Geist kann niemals das Unendliche erfassen.

Doch wir können es versuchen. Das individuelle Streben nach Wahrheit, nicht die Verkündung von Gewissheiten, macht das Wesen der Freimaurerei aus. Wir wissen, dass diese Suche endlos ist und keiner von uns am Ende eines Menschenlebens im Besitz irgendeiner absoluten Wahrheit sein wird. Aber wir finden Freude und Nutzen in der Anstrengung, uns der Wahrheit anzunähern, und weniger in den eigentlichen Resultaten. Es ist für den einzelnen Freimaurer nicht wichtig, die Idee des Absoluten in Gänze zu verstehen, sondern vielmehr, sie in seiner Vorstellung von Göttlichkeit zu suchen. Schon Cicero sagte, dass „unser Verstand ein unersättliches Bedürfnis besitzt, die Wahrheit zu kennen“. Diesem Bedürfnis folgend müssen wir jedoch erkennen, dass wir uns der Wahrheit lediglich nähern können. Übrigens: Das Wesen der Freimaurerei, oder auch „die Wahrheit“ über unseren Bund kann man einem Außenstehenden nicht vollständig erklären oder vermitteln. Jeder muss sie für sich selbst finden, mit Hilfe unserer Symbole und Lehren. Fest steht jedoch: Die Freimaurerei legt großen Wert auf die Freiheit und ermöglicht es jedem Einzelnen, nach der jeweils eigenen Wahrheit zu streben und zu leben.

Unsere Wahrheiten sind immer relativ, aber die absolute Wahrheit verändert sich nie. Wenn wir unsere Mitmenschen in gut und böse, moralisch oder unethisch, klug oder ignorant einteilen, vergleichen wir sie dabei stets mit anderen oder legen unsere eigenen Maßstäbe an. Absolute Tugend, Moral oder Weisheit kann aber keiner von uns festlegen. Wir können nur danach streben und unser eigenes Leben danach ausrichten, uns dieser absoluten Wahrheit zu nähern.

Für den Dichter und Freimaurer Gotthold Ephraim Lessing lag der Schlüssel dazu vor allem im Streben nach Toleranz und Humanität, wie er es in der Ringparabel darlegt. Dieses Streben allein macht laut Lessing den Menschen aus: „Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit besteht.“

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